Nach dem Grammy-Gewinn für das immersive Album i/o von Peter Gabriel ist Hans-Martin Buff international gefragter denn je. Ob Masterclasses, Studio-Talks oder Fachkonferenzen – überall wollen Produzentinnen und Produzenten wissen, wie kreatives Dolby-Atmos-Mixing wirklich funktioniert.
Wir hatten das Glück, mit ihm ausführlich darüber zu sprechen – über Storytelling im Raum, technische Strategien und die Frage, warum 3D-Audio nur dann funktioniert, wenn es musikalisch gedacht wird.
Hier kannst du den Podcast abonnieren:
Spotify Apple Podcasts YouTube RSS Feed Amazon Music
Atmos ist kein Effekt – sondern Dramaturgie
Für Buff beginnt ein Atmos-Mix nicht mit Plug-ins oder Objekten, sondern mit einer simplen Leitfrage:
Was will der Song erzählen?
Bewegung im Raum ist für ihn niemals Selbstzweck. Ein Element darf von hinten nach vorne wandern, wenn es dramaturgisch auf den Refrain zielt. Eine intime Ballade hingegen braucht keine Zirkusnummer. Atmos sei kein Jahrmarkt, sondern eine Erweiterung musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten.
Sein Ansatz: Erst zuhören, Notizen machen, eine kreative „Einkaufsliste“ erstellen – und diese konsequent abarbeiten. Danach wird radikal reduziert. Oft verschwindet ein Drittel der ursprünglichen Ideen wieder.
9.1.4 als Ausgangspunkt
Technisch arbeitet Buff in Pro Tools mit einem 9.1.4-Bus als Grundstruktur. Zunächst landet alles im Bett, markante Elemente werden später als eigene Objekte ausgelagert. Templates sorgen dafür, dass er schnell musikalisch arbeiten kann, ohne sich im Routing zu verlieren.
Die Spurenzahl? Variabel. Von 14 Stems bis zu 720 Spuren bei Peter Gabriel war alles dabei. Entscheidend ist nicht die Größe der Session, sondern ob genug Material vorhanden ist, um den Raum sinnvoll zu gestalten.
Den vollständigen Artikel findet ihr in der Ausgabe 4/25 des Sound&Recording-Magazins und im Podcast zur Ausgabe. Jetzt bestellen:
Transienten gehören nach vorne
Ein zentrales Thema im Gespräch: Aufmerksamkeit.
Starke Transienten – Kick, Snare, Lead-Vocal – bleiben meist vorne. Warum? Weil plötzliche Impulse hinter dem Hörer instinktiv Reaktionen auslösen. Dieses Prinzip nutzt Buff gezielt, aber sparsam.
Percussion, Texturen oder Flächen dürfen hingegen Raumarchitektur bauen: seitlich, hinten oder oben. Bässe verteilt er oft breitbandig im gesamten Setup, während die Punch-Information vorne bleibt.
Automation mit Maß
Ein häufiger Fehler bei Atmos-Einsteigern: Bewegung um der Bewegung willen.
Buff vermeidet großflächige Phantomquellen in der Raummitte. Stattdessen denkt er in klaren Achsen zwischen Lautsprechern. So bleiben Quellen definiert und präzise ortbar.
Ein Beispiel aus der Praxis: Für den Song „Love Can Heal“ entwickelte er einen rotierenden „Kokon“ aus mehreren Elementen, die exakt dieselbe Spiralbewegung zeitversetzt durchlaufen. Aufwendig programmiert – heute als Template wiederverwendbar.
Tools für Immersive Mixing
Für räumliche Bewegung nutzt Buff unter anderem Sound Particles, Skydust 3D und Slapper von The Cargo Cult. Bei Reverbs setzt er auf Exponential Audio und LiquidSonics.
Ein besonderes Werkzeug ist der Waves Immersive Wrapper, der klassische Stereo-Plug-ins in ein Multikanal-Setup überführt – so bleiben vertraute Klangfarben auch in 9.1.4 erhalten.
Binaural vs. Lautsprecher
Atmos umfasst auch binaurale Wiedergabe über Kopfhörer – doch sie ist nicht identisch mit einem kalibrierten Lautsprecherraum. Vorne und hinten liegen im binauralen Feld näher beieinander, Höhen sind schwieriger darzustellen.
Buffs Workflow:
Ideen auf Kopfhörern skizzieren – im Lautsprecherraum finalisieren – anschließend binaural kontrollieren.
Sein Credo: Der Raum ist Wahrheit, Kopfhörer sind Vorbereitung und Endkontrolle.
Wohin geht die Reise?
Für Buff steht fest: Atmos muss eine eigenständige kreative Sprache werden – nicht nur ein Add-on zum Stereo-Mix.
Damit das gelingt, braucht es erschwingliche Monitoring-Lösungen für Studios jeder Größe und Tools, die musikalisch denken. Vielleicht sogar AI-gestützte Assistenz – aber ohne Bevormundung.
„Wir stehen am Anfang. Es gibt noch keine Dogmen. Das ist der schönste Moment für Kreativität.“

