Dolby Atmos im Filmton: Pioneer Post über die Mischung von „Kanu des Manitu“

Wie entsteht ein moderner Kinomix in Dolby Atmos – und was unterscheidet Filmton eigentlich von einer immersiven Musikproduktion? Genau darüber habe ich live auf der Tonmeistertagung 2025 im Studiosofa Podcast mit Benedikt Uebe und Heiko Müller von Pioneer Post gesprochen. Die beiden verantworten bei Pioneer Post zentrale Bereiche der Postproduktion – und haben unter anderem die Mischung und das Sounddesign für den Film „Kanu des Manitu“umgesetzt.

Schon zu Beginn wird klar: Wir sprechen hier nicht über „ein bisschen Räumlichkeit“, sondern über einen Produktionsprozess, der kreative Entscheidungen, technische Infrastruktur und eine enorme Logistik zusammenbringen muss – inklusive hunderter Spuren, langer Delivery-Ketten und einer finalen Mischung in einem brandneuen Mischkino-Setup.

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Pioneer Post: Filmton von A bis Z – in zwölf Studios

Heiko Müller beschreibt Pioneer Post als Postproduktionshaus, das praktisch die gesamte Filmton-Palette abdeckt: Dialogbearbeitung, ADR, Mischung, Sounddesign, Foley und Editing. Insgesamt betreibt Pioneer Post in München zwölf Studios – darunter mehrere Mischräume, drei Atmos-Räume, Sounddesign-Suiten, Edit-Suiten, einen großen Aufnahmeraum für Sprachproduktion und eine Foley-Stage mit 220 Quadratmetern. Heiko ist Mitgründer und einer von drei Inhabern.

Benedikt Uebe ist seit 2018 fest im Team und arbeitet vor allem als Mischtonmeister, gelegentlich auch als Sounddesigner und Editor. Heiko betont dabei einen wichtigen Punkt: Dass Benedikt aus dem Sounddesign kommt, sei fürs Mischen ein großer Vorteil – weil sich Workflows zunehmend verschmelzen und ein Mixer heute auch verstehen muss, wie Sounddesign „denkt“.

Warum „Kanu des Manitu“ bei Pioneer Post gelandet ist

Die Verbindung zu Bully Herbig ist bei Pioneer Post historisch gewachsen. Heiko erzählt, dass er früher Studiomanager bei den Herbig Studios war und bereits am „Schuh des Manitu“ mitgearbeitet hat. Seitdem ist Pioneer Post eng mit Bully-Produktionen verbunden – und so war der Weg zu „Kanu des Manitu“ naheliegend. Benedikt hatte zuvor bereits Bullys Film „1000 Zeilen“ gemischt – und durfte dann auch die Mischung für „Kanu“ übernehmen.

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Filmton vs. Musikproduktion in Atmos: „Wir sind Sklaven des Bildes“

Einer der zentralen Unterschiede zur Musikproduktion wird im Gespräch schnell deutlich: Filmton ist immer audiovisuell gebunden. Benedikt beschreibt es sehr klar: Man mischt „dienlich“ für den Film – alles muss zur Handlung passen, die Story stützen und darf den Zuschauer nicht aus der Szene reißen. Heiko formuliert es noch zugespitzter: „Wir sind Sklaven des Bildes.“

Das klingt erstmal nach Einschränkung – ist aber genau die Realität im Kino. Ein spektakulärer Effekt, der technisch beeindruckt, kann dramaturgisch falsch sein, wenn er den Blick weg vom Bild zieht. Benedikt erzählt dazu ein prägendes Beispiel aus einer früheren Produktion: Ein Hund bellt plötzlich von links – tonal ein starker Schreckmoment. Dramaturgisch führt es aber dazu, dass Zuschauer instinktiv zur Seite schauen, also weg vom Film. Bully ließ den Effekt deshalb nach vorne verlagern. Für Tonleute ein gutes Korrektiv – weil man sich, wie Heiko sagt, als „Soundnerd“ leicht in Effekten verlieren kann.

Betten und Objekte: So wird Atmos im Film genutzt

Ein weiterer Unterschied zur typischen Musik-Atmos-Welt: Während in der Musik oft sehr objektbasiert gearbeitet wird, setzen Filmtonmischer weiterhin stark auf Betten – ergänzt um Objekte, wo sie dramaturgisch sinnvoll sind. Benedikt beschreibt die Herangehensweise als Kombination: Betten bleiben die Basis, Objekte kommen als zusätzliche Ebene dazu.

Gleichzeitig bedeutet Atmos im Filmton: mehr Ausgestaltung, mehr Detail, mehr Spuren. Damit ein Atmos-Mix homogen wirkt, braucht es deutlich mehr Material, mehr Positionen und feinere Staffelung – ohne dass es aufdringlich wird.

Vom Atmos-Vormix ins Mischkino: House 7 auf dem Bavaria-Gelände

Der Workflow bei „Kanu des Manitu“ führt vom Vormix in einem Pioneer-Atmos-Raum (7.1.4, zunächst Atmos Home) zur finalen Kinomischung in House 7 auf dem Bavaria-Gelände. Dieses Mischkino wurde neu umgebaut – Pioneer Post gehörte zu den ersten Teams, die dort arbeiten konnten.

Technisch ist das Setup beeindruckend: 46 Lautsprecher, angesteuert über die Dolby RMU (Renderer), gemischt an einer Avid S6/S7 (im Gespräch fallen beide Bezeichnungen) und mit einem Meyer Sound System, konkret wird das Astra 140 genannt – laut Heiko damals die erste Installation dieser Art in Europa. Betreiber Michael Hinrainer kommt später im Talk kurz dazu und beschreibt House 7 als offene Facility für Filmton-Teams, die ein großes Mischstudio benötigen.

Der Main Mix war ursprünglich auf rund zwölf Tage geplant, zog sich aber auf mehrere Wochen – auch weil währenddessen noch Bildänderungen, Effekte und musikalische Anpassungen „nachgetröpfelt“ kamen. Gerade bei Bully ist der Prozess extrem detailgetrieben: Timing-Korrekturen, ADR/O-Ton-Wechsel mitten im Satz, Varianten, Frames verschieben – alles wird sehr fein abgestimmt.

ADR, Dialogfokus und riesige Lieferanforderungen

Ein besonderer Faktor bei Bully-Produktionen ist ADR: Nicht nur aus technischen Gründen, sondern auch aus kreativen – für Betonung, Timing und Komik. Heiko nennt eine Zahl, die hängen bleibt: 14.000 ADR-Takes für das Projekt, also 14.000 einzelne Files. Das macht die Mischung komplex, weil ständig entschieden wird, welche Variante genutzt wird – und wie ADR und O-Ton kombiniert werden.

Dazu kommen die klassischen Anforderungen in der Film-Delivery: Man liefert nicht „nur“ einen fertigen Mix, sondern häufig getrennte Stems (Dialog/Musik/Effekte), internationale Versionen ohne Sprache, unterschiedliche Framerates (24 fps und 25 fps), Home-Entertainment-Versionen, TV-Anpassungen (R128) und vieles mehr.

Atmos als Hauptformat: Der große Unterschied zur Musik

Für Musikproduzenten ist das oft ungewohnt: In der Musik ist Stereo meist der Main-Mix, Atmos optional. Im Film ist es genau andersherum. Heiko bringt es auf den Punkt: Atmos ist das Hauptformat, die Derivate (5.1, Stereo) leiten sich davon ab.

Benedikt ergänzt: Die Anzahl an verschiedenen Ausspielungen bleibt grundsätzlich hoch – aber Atmos macht vieles leichter, weil Re-Renders/Downmixes sehr gut funktionieren. Heiko lobt ausdrücklich, wie zuverlässig Dolby die Downmix-Logik umgesetzt hat: Von Atmos zu 5.1 und Stereo geht vieles nahezu automatisiert, mit nur gelegentlichen Korrekturen.

Spuren, Spuren, Spuren: Was bei „Kanu“ wirklich im Projekt steckt

Im Gespräch werden konkrete Zahlen genannt, die die Dimension verdeutlichen. Heiko hat sich die Spuranzahl notiert:

  • 158 physikalische Musikspuren

  • 56 Dialogspuren (inkl. ADR)

  • 3 PFX-Spuren (Effekte aus dem Originalton)

  • 35 Foley-Spuren

  • 160 Soundeffektspuren

  • 80 Background-Spuren (Atmosphären)

  • 16 Reverb-Spuren (immersiv)

Benedikt nennt zudem insgesamt rund 600 Tonspuren, wenn man alles zusammenrechnet. Nicht als „Posing“, sondern als Resultat sauberer Trennung und Organisation – weil Deliveries genau diese Struktur erfordern.

Dateigröße und Codec-Wunder: Kinomaster mit wenigen Gigabyte

Überraschend ist auch die Dateigröße des finalen Masters: Benedikt spricht von etwa sechs Gigabyte, teils sogar weniger – Heiko nennt „erschreckend klein“ und beschreibt, dass er beim ersten Atmos-Master dachte, es müsse ein Fehler vorliegen. Trotzdem sei die Qualität, die Dolby daraus herausholt, erstaunlich.

Plugins und immersive Hallräume

Bei den Tools geht es weniger um „Atmos-fähige EQs“, sondern vor allem um immersive Reverbs. Benedikt sagt klar: Er sei kein Fan davon, sich immersive Räume aus mehreren Stereo-Halls zusammenzubauen. Genannt werden als Tools unter anderem Exponential Audio R4 / Stratus, außerdem Slapper sowie Chameleon (häufig auch als Mono- oder Multi-Mono-Tool).

Kreativer Reiz von Atmos: Transparenz, Tiefenstaffelung und Platz im Mix

Warum lohnt sich Atmos im Filmton? Heiko und Benedikt nennen mehrere Punkte:

Die präzise Platzierung von Punktschallquellen ermöglicht eine feinere Tiefenstaffelung als in 5.1/7.1, weil man nicht auf Arrays angewiesen ist. Benedikt betont zudem die Transparenz: Mehr Wiedergabekanäle bedeuten, dass sich Elemente besser entflechten lassen. Beispiel Musik: Man kann die Musik subtil nach hinten oder auf die Wides ziehen, um vorne Platz für Dialog zu schaffen – gerade in einem Film, der musikalisch stark durchkomponiert ist und gleichzeitig permanent Dialog trägt.

Ein schönes Praxisbeispiel aus „Kanu“: Zu Beginn gibt es Jodeln „aus dem Nichts“, und weil das Bild es unterstützt, durfte es auch räumlich von hinten/oben kommen – genau dann wird Atmos zum dramaturgischen Werkzeug statt zum Selbstzweck.

Die Master-Sektion als Atmos-Herausforderung: Kontrolle über Bed + Objekte

Gegen Ende kommt noch ein technischer Punkt, der für Mixing Engineers besonders spannend ist: In Atmos ist die klassische „alles läuft durch den Masterbus“-Kontrolle eingeschränkt, weil man neben dem Bed auch viele Objekte hat, die nicht automatisch durch denselben Sicherheits-Limiter laufen. Benedikt beschreibt das als Herausforderung, vor allem in TV-/Delivery-Kontexten, weil man Clipping vermeiden muss und die Endkontrolle nicht so „klassisch“ funktioniert wie in einer Bus-basierten Mischung.

Blick nach vorn: Home-Atmos, Soundbars und personalisiertes Binaural

Beim Ausblick wird es spannend: Heiko sieht im Heimbereich das Problem, dass sich viele Konsumenten eher für Soundbars entscheiden, statt echte Lautsprecher-Setups zu installieren – selbst wenn Soundbars teils überraschend gut funktionieren, ersetzen sie die Physik nicht.

Benedikt bleibt grundsätzlich optimistisch: Atmos sei ein Format, das sowohl für große Anlagen als auch für einfache Wiedergabewege sinnvoll ist, weil es zuverlässig „runterskaliert“.

Zum Schluss wird noch ein Einblick in eine neue Kopfhörer-Technologie erwähnt: Ein Sony-System, bei dem Ohr und Gehörgang vermessen werden, um binaurales Hören deutlich realistischer zu machen – Benedikt beschreibt das als „absoluten Hammer“ und potentiellen Game Changer, wenn es irgendwann consumer-tauglich wird.

Hinweis: Vortrag von Pioneer Post auf der Tonmeistertagung

Wer tiefer einsteigen will: Heiko und Benedikt kündigen im Gespräch an, am nächsten Tag eine Session zu zeigen – inklusive Proto-Session, Renderer-Situation und konkreten Beispielen aus der Mischung von „Kanu des Manitu“.