DIY-Studioequipment & echter Analog-Sound – Martin Zobel, analogvibes

DIY-Studio-Hardware, legendäre Analog-Klassiker und die Liebe zum Detail: In dieser Live-Episode spricht Marc mit Martin Zobel über analogvibes, den originalgetreuen Nachbau von LA-2A, 1176 & Pultec, über Selbstbauen als kreativen Prozess – und warum man Klang erst richtig versteht, wenn man ihn löten kann.

Dazu: Martins zweites Projekt Legend Espresso, nachhaltiges Produktdesign, Studio-Kaffee als Workflow-Faktor und jede Menge ehrliche Insights aus der internationalen DIY-Audio-Community.

Hier kannst du den Podcast abonnieren:

Spotify Apple Podcasts YouTube RSS Feed Amazon Music

Analogvibes & Legend Espresso – warum Leidenschaft, Handwerk und Haltung wichtiger sind als Produkte

Wer mit Martin Zobel spricht, merkt sehr schnell, dass es hier nicht um Produkte im klassischen Sinn geht. Es geht nicht um Marktsegmente, Feature-Listen oder das nächste „Must-have“ für das Studio. Es geht um Haltung. Um Neugier. Um das tiefe Bedürfnis, Dinge wirklich zu verstehen – und sie so zu bauen, dass sie Bestand haben. Genau diese Haltung verbindet Martins Projekte analogvibes und Legend Espresso, auch wenn sie auf den ersten Blick aus völlig unterschiedlichen Welten stammen.

Vom Plugin zur Erleuchtung im Studio

Wie viele seiner Generation ist Martin mit Plugins groß geworden. Digitale Werkzeuge waren verfügbar, bezahlbar und klangen gut genug, um Musik zu machen. Der Wendepunkt kam erst, als er in großen Studios arbeitete – unter anderem in Los Angeles – und zum ersten Mal echte Klassiker wie LA-2A, 1176 oder Pultec EQs nicht nur sah, sondern hörte. Nicht im A/B-Vergleich, nicht theoretisch, sondern im kreativen Alltag. Vocals durch einen echten optischen Kompressor, Höhen, die sich öffnen, ohne aggressiv zu werden, ein Klangbild, das sofort „fertig“ wirkt.

Dieser Moment war keine Analog-gegen-Digital-Debatte, sondern eine Erkenntnis: Bestimmte Klänge entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis konkreter Schaltungen, Bauteile, Toleranzen und Designentscheidungen. Und genau dort begann die Reise von analogvibess.

analogvibes: Nachbauen, um zu verstehen

Analogvibes entstand nicht als Businessplan, sondern aus einem ganz pragmatischen Wunsch: diese Werkzeuge im eigenen Studio nutzen zu können, ohne fünfstellige Beträge für Vintage-Originale auszugeben. Der Ansatz war von Anfang an radikal ehrlich. Wenn schon nachbauen, dann so originalgetreu wie möglich. Nicht „inspiriert von“, sondern technisch und klanglich nachvollziehbar. Mit Bauteilen, die sich so verhalten wie ihre historischen Vorbilder. Mit Übertragern nach Originalspezifikation, passenden Potentiometer-Kennlinien und Schaltungen, die nicht vereinfacht wurden, nur um Kosten zu sparen.

Das Besondere an analogvibes ist dabei nicht nur das Ergebnis, sondern der Weg dorthin. Die Bausätze sind bewusst als DIY-Projekte konzipiert. Nicht, um Arbeit auszulagern, sondern um Wissen weiterzugeben. Die Dokumentationen sind keine nüchternen Schaltpläne, sondern didaktisch aufbereitete Magazine mit hunderten Fotos, verständlichen Erklärungen und genau dem Maß an Tiefe, das es erlaubt, Zusammenhänge zu begreifen. Wer einen LA-2A oder Pultec auf diese Weise aufbaut, lötet nicht blind Bauteile zusammen, sondern versteht, warum bestimmte Kondensatoren den Frequenzgang beeinflussen oder weshalb ein Übertrager mehr ist als nur ein technisches Detail.

Über die Jahre ist daraus eine internationale Community entstanden, die weit über klassische DIY-Enthusiasten hinausgeht. Home-Studio-Betreiber bauen ihre erste Röhrenschaltung, während etablierte Engineers und Produzenten die Bausätze nutzen, um rare Klassiker wieder greifbar zu machen. Der gemeinsame Nenner ist immer derselbe: Respekt vor dem Original und Freude am eigenen Tun.

Selbstbauen verändert das Hören

Ein zentraler Gedanke hinter analogvibes ist die Überzeugung, dass sich der Umgang mit Klang verändert, wenn man die Werkzeuge selbst erschaffen hat. Ein Kompressor ist dann kein abstraktes Plugin mit Reglern, sondern ein physischer Signalweg. Man weiß, wo das Signal hingeht, was in der Sidechain passiert und warum bestimmte Einstellungen musikalischer reagieren als andere. Diese Form von Verständnis führt nicht zwangsläufig zu „besserem“ Sound im objektiven Sinn, aber zu bewussteren Entscheidungen. Klang wird greifbarer, Arbeit intuitiver.

Dieser Selbstbefähigungsaspekt ist für viele Nutzer mindestens genauso wichtig wie das fertige Gerät. Das erste Einschalten, das Aufleuchten des VU-Meters, der Moment, in dem Ton durch ein selbstgebautes Gerät fließt – das ist kein rationales Argument, sondern ein emotionales. Und genau dort liegt ein großer Teil der Faszination von analogvibes.

Legend Espresso: Ein Erbstück statt Wegwerfprodukt

Dass Martin parallel an einer High-End-Espressomaschine arbeitet, wirkt nur auf den ersten Blick überraschend. Legend Espresso folgt derselben Denkweise wie analogvibes, nur in einem anderen Kontext. Auch hier geht es um ein Produkt, das nicht für schnellen Konsum gedacht ist, sondern für lange Nutzung. Eine Maschine, die energieeffizient arbeitet, aus recycelten und nachwachsenden Materialien besteht, reparierbar ist und so gestaltet wurde, dass man sie behalten will.

Der Begriff „Legend“ ist dabei bewusst gewählt. Es geht um Objekte, die Geschichten tragen dürfen. Die nicht nach wenigen Jahren ersetzt werden, sondern über lange Zeit Teil des Alltags sind – sei es im Studio, im Home-Office oder in der Küche. Kaffee ist in vielen Studios mehr als ein Getränk. Er ist Ritual, Pause, sozialer Anker. Legend Espresso denkt diesen Gedanken konsequent weiter und verbindet industrielle Gestaltung, Nachhaltigkeit und High-End-Performance zu einem Statement gegen Kurzlebigkeit.

Zwei Welten, ein Kern

Ob analoge Studiotechnik oder Espressomaschine – beide Projekte sind Ausdruck desselben schöpferischen Prozesses. Es geht um Detailverliebtheit, um das bewusste Ablehnen von Kompromissen und um den Mut, Dinge langsamer, dafür aber richtig zu machen. Analogvibes und Legend Espresso zeigen, dass Design, Technik und Emotion keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig verstärken können.

In einer Zeit, in der vieles schneller, günstiger und austauschbarer wird, wirken diese Projekte fast entschleunigend. Sie laden dazu ein, wieder genauer hinzuschauen, Dinge zu verstehen und Verantwortung für das eigene Werkzeug zu übernehmen. Vielleicht ist genau das ihre größte Stärke – im Studio wie auch weit darüber hinaus.