Dolby Atmos Codecs: Streaming, Formate & High-Res erklärt

Dolby Atmos hat sich in den vergangenen Jahren vom Spezialformat für Kino und High-End-Studios zu einem festen Bestandteil moderner Musikdistribution entwickelt. Streaming-Plattformen, Kopfhörer, Soundbars und Fahrzeuge unterstützen heute immersive Wiedergabe – oft, ohne dass sich Hörerinnen und Hörer dessen bewusst sind. Einer der zentralen Treiber dieser Entwicklung ist Stefan Bock, Gründer und Geschäftsführer der MSM-Studios.

Im Sound & Recording-Podcast spricht Stefan Bock ausführlich über die technischen, künstlerischen und strategischen Aspekte von Dolby Atmos: von Produktionsformaten über Codecs bis hin zur Frage, warum immersives Audio erstmals wirklich beim Endverbraucher angekommen ist.

Dolby Atmos als Produktionsformat: Ein Master für alle Wiedergabesysteme

Im Zentrum jeder Dolby-Atmos-Produktion steht das sogenannte ADM-BWF-Master. Dieses offene Authoring-Format enthält sämtliche Objektinformationen, Metadaten und Pegelentscheidungen in voller Auflösung. Anders als klassische Stereo- oder 5.1-Master ist das ADM nicht an ein konkretes Lautsprecher-Setup gebunden. Stattdessen dient es als universelle Ausgangsbasis, aus der sich unterschiedliche Distributionsformate ableiten lassen.

Genau hier liegt laut Stefan Bock einer der entscheidenden Vorteile von Dolby Atmos: Produzentinnen und Produzenten erstellen ein einziges Master, das sich automatisch an verschiedene Wiedergabesysteme anpasst – vom großen Heimkino über Soundbars bis hin zu Kopfhörern oder Automotive-Systemen.

Den vollständigen Artikel findet ihr in der Ausgabe 4/25 des Sound&Recording-Magazins und im Podcast zur Ausgabe. Jetzt bestellen:

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Codecs im Überblick: TrueHD, Dolby Digital Plus JOC und AC-4

Für die Distribution von Dolby-Atmos-Inhalten kommen unterschiedliche Codecs zum Einsatz, je nach Plattform und Anwendungsszenario. Für physische Medien wie die Blu-ray ist Dolby TrueHD relevant. Dieser Codec arbeitet verlustfrei und ermöglicht eine Wiedergabe in Studioqualität, benötigt jedoch hohe Datenraten und ist daher für klassisches Streaming ungeeignet.

Im Streaming-Bereich dominiert Dolby Digital Plus JOC. Dieser datenreduzierte Codec erlaubt die Übertragung von Atmos-Inhalten mit vergleichsweise geringer Bandbreite und ist heute Standard bei vielen Musik-Streaming-Diensten. Ergänzt wird er durch AC-4, einen neueren Codec, der insbesondere im Zusammenhang mit binauraler Wiedergabe und plattformübergreifenden Workflows an Bedeutung gewinnt.

Stefan Bock betont, dass sich klangliche Unterschiede zwischen den Codecs durchaus hören lassen – dass der Erfolg von Dolby Atmos im Markt aber gerade auf dieser Skalierbarkeit beruht. Die technische Qualität wird so weit reduziert wie nötig, ohne das räumliche Erlebnis grundsätzlich zu zerstören.

High-Res-Streaming und die Frage nach Qualität

Mit der zunehmenden Verbreitung von Dolby Atmos wächst auch das Bewusstsein für die Grenzen datenreduzierter Streaming-Formate. Zwar ermöglichen Plattformen wie Apple Music, Amazon Music oder Tidal heute immersive Wiedergabe für Millionen Nutzerinnen und Nutzer, doch die zugrunde liegenden Codecs bleiben ein Kompromiss.

Aus diesem Grund engagiert sich Stefan Bock seit Jahren für High-Res-Distribution im immersiven Kontext. Mit der Pure Audio Blu-ray hat er bereits früh ein verlustfreies Konsumentenformat etabliert. Inzwischen verfolgt er dieses Konzept auch im Streaming-Bereich weiter – mit dem Ziel, Dolby Atmos in voller Auflösung und ohne datenreduzierende Engpässe verfügbar zu machen.

Kopfhörer, Binauralisierung und Apple Spatial Audio

Ein zentrales Thema moderner Atmos-Distribution ist die Kopfhörerwiedergabe. Während klassische Mehrkanalformate auf Lautsprecher angewiesen waren, ermöglicht Dolby Atmos eine binaurale Übersetzung räumlicher Mischungen auf zwei Kanäle. Dabei kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz, je nach Codec und Plattform.

Besonders relevant ist hier Apple mit seinem Ansatz des „Spatial Audio“. Innerhalb des Apple-Ökosystems erfolgt die Binauralisierung nicht zwingend nach Dolby-Standard, sondern über eigene Algorithmen, die unter anderem Head-Tracking berücksichtigen. Für Studios bedeutet das zusätzlichen Aufwand: Atmos-Mischungen müssen unter verschiedenen Wiedergabebedingungen überprüft und bewertet werden, um konsistente Ergebnisse zu erzielen.

Dolby-Atmos-Regie in den msm studios in Berlin.
Dolby-Atmos-Regie in den msm studios in Berlin.

Immersives Mastering und das Ende des Loudness-Kriegs

Auch das Mastering erfährt im Dolby-Atmos-Kontext eine grundlegende Neuausrichtung. Da Streaming-Plattformen mit festen Loudness-Zielen arbeiten, verliert der klassische Lautheitswettbewerb an Bedeutung. Stattdessen rücken Dynamik, Transparenz und räumliche Balance wieder stärker in den Fokus.

Stefan Bock sieht darin einen großen Vorteil für Musikproduktionen: Immersives Audio ermöglicht emotionalere, offenere Mischungen, ohne durch Pegeloptimierung eingeschränkt zu werden. Mastering wird damit weniger zu einem reinen technischen Korrekturschritt, sondern erneut zu einem kreativen Bestandteil des Produktionsprozesses.

Fazit: Dolby Atmos als neuer Standard

Dolby Atmos ist längst mehr als ein Nischenformat für Technik-Enthusiasten. Durch die Kombination aus flexiblen Produktionsformaten, skalierbaren Codecs und breiter Unterstützung auf Streaming-Plattformen hat sich immersives Audio im Mainstream etabliert. Das Gespräch mit Stefan Bock zeigt, dass die entscheidenden Fragen dabei nicht nur technischer Natur sind, sondern immer auch künstlerische und emotionale Dimensionen betreffen.

Für Produzentinnen, Engineers und Labels bedeutet das: Wer heute Musik veröffentlicht, sollte Dolby Atmos, Codecs und Distributionswege verstehen – nicht als Marketing-Gimmick, sondern als integralen Bestandteil moderner Musikproduktion.