Dolby Atmos wird häufig als technisches Upgrade beschrieben – mehr Lautsprecher, mehr Kanäle, mehr Raum. Doch in der Praxis zeigt sich schnell: In der Dolby Atmos Musikproduktion geht es nicht primär um Technik, sondern um Wahrnehmung. Um Emotion. Um die Art, wie Musik im Raum wirkt und beim Hörer ankommt.
Im Gespräch erklärt Mastering-Engineer Kai Blankenberg von der Skyline Tonfabrik, warum immersive Mischungen für ihn kein kurzfristiger Trend sind, sondern eine neue Art, Musik zu erzählen.
Von Stereo zu immersiver Musikproduktion
Kai Blankenberg hat frühere Mehrkanalformate wie 5.1 oder SACD bewusst ignoriert. Erst Dolby Atmos weckte seine Neugier. Noch vor Corona besuchte er Workshops, baute sein Studio schrittweise um und begann zu experimentieren.
Was ihn überzeugte, war nicht der Surround-Effekt, sondern die veränderte Arbeitsweise. Während klassische Stereo-Mixe häufig auf Verdichtung und Kompression setzen, erlaubt die immersive Musikproduktion eine andere Herangehensweise. Instrumente müssen sich nicht mehr in zwei Lautsprechern gegenseitig verdrängen. Räume öffnen sich. Dynamik entsteht durch Platz – nicht nur durch Lautheit.
Atmos-Mischungen dauern in der Regel länger als Stereo-Produktionen. Ein Album kann schnell fünf bis sechs Tage in Anspruch nehmen. Doch dieser Mehraufwand schafft neue gestalterische Möglichkeiten.

Warum Dolby Atmos Musik emotionaler wirken lässt
Der entscheidende Unterschied liegt in der Wahrnehmung. Wenn sich Klang im Raum verteilt, entsteht ein körperlicher Eindruck. Elemente stehen nicht nur links oder rechts, sondern umgeben den Hörer.
Eine Sängerin, mit der Blankenberg arbeitete, hörte ihre Produktion zunächst in Stereo und war zufrieden. Als sie anschließend die Atmos-Version im Kopfhörer hörte, reagierte sie überrascht: „So wahrhaftig habe ich meine Stimme noch nie gehört.“
Es ging nicht um spektakuläre Effekte von hinten. Es ging um Transparenz, Luft und Natürlichkeit. Atmos erzeugt oft eine größere Offenheit, weil weniger Summenkompression nötig ist. Musik wirkt weniger gedrängt und dadurch direkter. Diese zusätzliche emotionale Ebene ist schwer zu erklären – aber sofort spürbar.
Marktpotenzial: Streaming-Plattformen und wirtschaftliche Perspektiven
Auch wirtschaftlich gewinnt die Dolby Atmos Musikproduktion an Bedeutung. Plattformen wie Apple Music fördern das Format aktiv. Atmos-Master werden finanziell besser vergütet – selbst wenn der Track in Stereo abgespielt wird. Zudem haben immersive Produktionen höhere Chancen, in speziellen Playlists berücksichtigt zu werden.
International ist Atmos bereits stärker etabliert als in Deutschland. Sollte Spotify das Format flächendeckend integrieren, könnte dies den entscheidenden Schub im Mainstream bedeuten.
Gleichzeitig bleibt Stereo relevant. Atmos ersetzt nicht das klassische Format, sondern existiert parallel. Bewusste Entscheidungen für beide Versionen sind weiterhin essenziell.
Praxisbeispiel: Udo Lindenberg als immersive Installation
Wie sich Atmos über das Studio hinaus einsetzen lässt, zeigt ein Projekt mit Udo Lindenberg. Für eine Ausstellung entstand ein eigener Dolby-Atmos-Raum, in dem fünf Songs aus fünf Dekaden zu einem immersiven Medley verschmolzen.
Die Installation in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen kombinierte ein 7.3.4-Neumann-Setup mit visuellen Elementen. Besucher:innen erleben Musik dort nicht als Hintergrund, sondern als räumliches Ereignis. Solche Installationen zeigen, dass immersive Audiotechnik zunehmend auch im kulturellen Kontext relevant wird.
Zukunft der Dolby Atmos Musikproduktion
Technologisch steht die Entwicklung erst am Anfang. Verbesserte binaurale Algorithmen, personalisierte HRTF-Profile und vernetzte Lautsprechersysteme werden das immersive Hören weiter optimieren. Auch im Automobilbereich setzt sich Dolby Atmos zunehmend durch.
Apple denkt mit der Vision Pro immersive Inhalte weiter, insbesondere in Kombination mit visuellen Formaten. Für Musik bleibt jedoch entscheidend, dass der künstlerische Ausdruck im Mittelpunkt steht. Atmos soll Emotion verstärken – nicht zur technischen Spielerei werden.
Fazit: Mehr als Surround
Dolby Atmos ist mehr als ein Surround-Format. Es verändert die Perspektive auf Musikproduktion und eröffnet eine neue emotionale Dimension.
Für erfahrene Engineers wie Kai Blankenberg bedeutet das Format keinen Bruch mit der Vergangenheit, sondern eine Erweiterung. Nach über zwanzig Jahren Stereo beschreibt er Atmos als kreativen Neustart – als eine Möglichkeit, Musik wieder räumlicher, unmittelbarer und intensiver erlebbar zu machen.
Die Dolby Atmos Musikproduktion ist damit weniger eine technische Revolution als eine emotionale Weiterentwicklung. Und genau darin liegt ihre nachhaltige Relevanz.


