Wie Klangvorstellung vor dem Mixing den Sound entscheidet

Wenn über Mixing gesprochen wird, geht es oft schnell um Plug-ins, Workflows oder technische Entscheidungen. In der Praxis beginnt gute Arbeit jedoch deutlich früher. Noch bevor ein Mikrofon aufgebaut oder ein Fader bewegt wird, steht eine Frage im Raum, die sich nicht messen oder visualisieren lässt: Wie soll es klingen? Für Leo Elsner ist diese innere Klangvorstellung der Ausgangspunkt jeder Produktion – unabhängig davon, ob es um Hip-Hop, Pop, Bandrecordings oder immersive 3D-Formate geht.

Leo arbeitet als Audio Engineer in Frankfurt und ist Teil des Teams der 301 Studios, den ehemaligen Räumen des Abbey Road Institute. Sein Weg dorthin war kein klassischer Studioeinstieg. Ursprünglich kommt er aus der klassischen Musik, hat Orchesterschlagwerk studiert und früh gelernt, Klang als Zusammenspiel von Raum, Dynamik und musikalischer Balance zu begreifen. Diese Prägung zieht sich bis heute durch seine Arbeit im Studio – auch dort, wo sie auf den ersten Blick kaum eine Rolle zu spielen scheint.

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Klassische Prägung und Gehörbildung als Fundament

Schon im klassischen Kontext ging es für Leo weniger um Virtuosität als um Einordnung. Im Orchester zählt nicht das einzelne Instrument, sondern das Verhältnis der Stimmen zueinander. Dynamik, Balance und Homogenität sind keine abstrakten Begriffe, sondern tägliche Praxis. Man entwickle ein sehr feines Gespür dafür, wann etwas trägt und wann es zu viel wird, sagt Leo. Diese Sensibilität überträgt er heute auf moderne Produktionen – besonders auf Stimmen.

Die Nähe zur Opernmusik habe ihn früh für Intonation und Natürlichkeit sensibilisiert, erklärt er, und genau das helfe ihm bei der Vocal-Bearbeitung, die richtige Dosierung zu finden. Sauberkeit sei wichtig, aber nie Selbstzweck. Eine Stimme dürfe nicht steril werden, sondern müsse lebendig bleiben – auch wenn moderne Produktionsstandards etwas anderes suggerieren.

Genreoffen arbeiten – Klangästhetik statt Schubladen

Dass Leo genreübergreifend arbeitet, ist kein bewusstes Abgrenzungsmerkmal, sondern eine Konsequenz seiner Haltung. Zwar liegt der Schwerpunkt seiner Arbeit heute im Pop- und Hip-Hop-Umfeld, nicht zuletzt wegen der dort vorhandenen Budgets und der Nachfrage nach Dolby-Atmos-Produktionen. Gleichzeitig sieht er die stilistische Vielfalt als wichtigen Teil seiner Entwicklung.

Nur in einem Genre zu arbeiten, werde schnell eintönig, sagt er. Die Offenheit ermögliche es, Klangästhetiken zu vergleichen und Werkzeuge aus einem Kontext in einen anderen zu übertragen – selbst dann, wenn das zunächst unkonventionell erscheint. Tricks aus Rockproduktionen könnten im Hip-Hop ebenso funktionieren wie umgekehrt. Entscheidend sei nicht die Herkunft eines Werkzeugs, sondern das Ergebnis im Kontext der Musik.

Recording als klangliche Entscheidung

Diese Offenheit zeigt sich besonders im Recording. Für Leo ist die Aufnahme kein neutraler Zwischenschritt, sondern ein gestaltender Prozess. Mikrofonwahl, Platzierung und Raum entscheiden früh darüber, wie viel Arbeit später im Mix nötig wird. Im Idealfall lasse sich eine Produktion bereits mit Fadern auf Null hören.

Er beschreibt diesen Ansatz als bewusste Festlegung. Zu viele Optionen könnten im weiteren Verlauf eher bremsen als helfen. Gitarren clean aufzunehmen, um später endlos zu reampen, sei zwar möglich, führe aber oft zu unnötigem Zeitverlust. Lieber werde der Sound im Raum entschieden und so aufgenommen, wie er gedacht ist.

Gleichzeitig kennt Leo die Realität komplexer Produktionen. Gerade bei klassischen Ensembles oder aufwendigen Sessions mit unbekannten Räumen nehme er bewusst mehrere Hauptmikrofonierungen auf, um später noch entscheiden zu können. Der Unterschied liege im Bewusstsein: Zusätzliche Spuren sollen eine Möglichkeit bieten, keine Ausrede für fehlende Klarheit sein.

Schlagzeug, Raum und Phasen – warum Minimalismus oft gewinnt

Wie stark eine Klangvorstellung das Recording prägt, zeigt sich besonders bei Schlagzeugaufnahmen. In den 301 Studios arbeitet Leo häufig mit minimalistischen Setups wie der Recorder-Man-Technik. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl der Mikrofone, sondern deren Beziehung zur Snare.

Phasenstimmigkeit, Laufzeiten und die Einbindung des Raums stehen im Vordergrund. Um das zu erreichen, berechnet er Abstände anhand der Grundfrequenz der Snare. Das klinge theoretisch, räumt er ein, habe sich in der Praxis jedoch bewährt. Ziel sei es, das aufgenommene Material so zu gestalten, dass es ohne Samples funktioniert – nicht aus Prinzip, sondern weil es musikalisch trägt und sich im Mix von selbst durchsetzt.

Analytisches Hören als Werkzeug im Mixing

Diese Denkweise zieht sich auch durch Leos Mixing-Arbeit. Analytisches Hören spielt dabei eine zentrale Rolle. Wenn er mit einem neuen Genre konfrontiert wird, hört er bewusst Produktionen aus diesem Umfeld, notiert Auffälligkeiten und versucht zu verstehen, warum bestimmte Entscheidungen funktionieren.

Gerade im Dolby-Atmos-Kontext sei das essenziell, da sich bekannte Stereoreferenzen nicht eins zu eins übertragen lassen. In einer Produktion führte ihn genau dieses Hören zu einer Lösung, die zunächst kontraintuitiv erschien. Die Energie eines bestehenden Stereomixes ließ sich nur reproduzieren, indem einzelne Elemente erneut stark verdichtet wurden – mit Clipping und Limiting an Stellen, die im Mehrkanalbetrieb eigentlich vermieden werden.

Mensch vor Technik – warum Sessions funktionieren müssen

Trotz aller Technik bleibt für Leo der Mensch im Zentrum der Session. Künstler müssten sich wohlfühlen, um ihre beste Leistung abrufen zu können. Zu langes Experimentieren oder technische Diskussionen im entscheidenden Moment seien oft kontraproduktiv. Musikmachen im Studio sei immer ein menschlicher Prozess, sagt er.

Es gehe darum, den richtigen Punkt zu erkennen, an dem eine Aufnahme steht – auch wenn theoretisch noch mehr möglich wäre. Gerade Sängerinnen und Sänger, die sich eingegroovt haben, hätten selten Geduld für ausufernde technische Tests. Hier müsse der Engineer Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen.

Perfektion, Zeit und wirtschaftliche Realität

Diese Fähigkeit, rechtzeitig loszulassen, musste Leo selbst erst lernen. Die intensive Zeit am Abbey Road Institute habe ihm ein hohes handwerkliches Niveau vermittelt, aber auch einen starken Perfektionsanspruch. In der Praxis habe sich gezeigt, dass die letzten Prozent oft unverhältnismäßig viel Zeit kosten.

Die eigenen fünfundneunzig Prozent seien für viele Produktionen vollkommen ausreichend, erklärt er. Die letzten Schritte zur vermeintlichen Perfektion stünden oft in keinem Verhältnis zu Budget und Zeit. Wirtschaftliche Realität und künstlerischer Anspruch müssten in Einklang gebracht werden – eine Erkenntnis, die für viele Engineers schmerzhaft, aber notwendig sei.

Dolby Atmos und 3D-Audio als eigene Kunstform

Mit zunehmender Erfahrung verlagerte sich Leos Fokus weiter in Richtung immersiver Formate. Dolby Atmos versteht er nicht als Ersatz für Stereo, sondern als eigene Kunstform. Besonders bei akustischen Ensembles oder räumlich gedachten Produktionen eröffnen sich neue Möglichkeiten, Bewegungen und Raumanteile organisch einzufangen.

Statt kompakter Mikrofonarrays setzt er bewusst auf Laufzeiten und Distanz. Die Freiheit, nicht mono-kompatibel denken zu müssen, empfindet er dabei als kreative Erleichterung. Atmos ermögliche es, Klang nicht nur zu platzieren, sondern räumlich zu erzählen.

Experimentelle Ansätze und neue Perspektiven

Noch weiter geht dieser Gedanke bei experimentellen Ansätzen wie Poly-Pickups für Gitarre. Jede Saite wird einzeln abgenommen und kann im Raum verteilt oder unterschiedlich bearbeitet werden. In der Praxis komme das bislang vor allem in Demos zum Einsatz, räumt Leo ein. Der Zeit- und Budgetdruck vieler Produktionen lasse solche Experimente selten zu.

Trotzdem sieht er darin großes kreatives Potenzial – insbesondere dort, wo Musik von Anfang an für 3D gedacht wird. Atmos sei für ihn keine technische Erweiterung, sondern eine neue Ausdrucksform, die andere Entscheidungen erfordert als klassische Stereo-Produktionen.

Fazit: Klangvorstellung als wichtigste Studio-Kompetenz

Am Ende läuft vieles auf eine Haltung hinaus, die sich durch das gesamte Gespräch zieht. Hören ist für Leo kein passiver Vorgang, sondern eine aktive Entscheidung. Wer weiß, wo er klanglich hinwill, trifft andere Entscheidungen bei der Aufnahme, im Mix und im Umgang mit Technik.

Genregrenzen verlieren dabei an Bedeutung, Werkzeuge werden Mittel zum Zweck. Das Gehör sei das Wertvollste, was wir haben, sagt Leo – und genau darin liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnis für modernes Recording, Mixing und immersive Audioproduktion.