Vom Köln Concert bis Abbey Road: Michael Thumm über legendäre Studiomikrofone

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Was haben Keith Jarretts legendäres Köln Concert, die Abbey Road Studios und ein vier Meter tief abgestürztes Schoeps-Mikrofon gemeinsam? Sie alle spielen eine Rolle in den Geschichten, die Michael Thumm, Geschäftsführer der Bauer Studios in Ludwigsburg, im Sound&Recording-Podcast erzählt. Anlässlich unseres 20-jährigen Jubiläums sprechen wir über legendäre Studiomikrofone, außergewöhnliche Produktionen und die Frage, welches Mikrofon man aus einem brennenden Studio retten würde.

Die Bauer Studios gehören zu den traditionsreichsten Tonstudios Deutschlands. Seit Jahrzehnten entstehen hier Aufnahmen unterschiedlichster Genres – von Jazz und Klassik über Rock und Pop bis hin zu aufwendigen Orchesterproduktionen. Entsprechend beeindruckend ist auch die Mikrofonsammlung: Rund 150 Mikrofone stehen für die unterschiedlichsten Recording-Situationen zur Verfügung. Darunter zahlreiche Klassiker von Neumann, AKG, Schoeps, Shure und Beyerdynamic.

Doch Michael Thumm interessiert sich nicht nur für technische Daten oder den Sammlerwert historischer Mikrofone. Für ihn sind es vor allem Werkzeuge, mit denen Musik entsteht. Und hinter vielen dieser Mikrofone stecken bemerkenswerte Geschichten.

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Neumann U67: Ein Mikrofon schreibt Musikgeschichte

Zu den wertvollsten Schätzen der Bauer Studios gehören fünf historische Neumann U67. Zwei dieser Mikrofone waren mit großer Wahrscheinlichkeit bei einer der berühmtesten Klavieraufnahmen aller Zeiten im Einsatz: Keith Jarretts The Köln Concert aus dem Jahr 1975.

Damals reiste der Bauer-Tonmeister Martin Wieland mit einer Bandmaschine in die Kölner Oper. Zwei Neumann U67 wurden im Flügel positioniert, ergänzt durch weitere Mikrofone für den Raum und das Publikum. Die Aufnahme wurde direkt auf zwei Spuren gemischt.

Das Ergebnis wurde zu einem Meilenstein der Jazzgeschichte und prägt bis heute die Vorstellung davon, wie unmittelbar und lebendig eine Klavieraufnahme klingen kann.

Michael Thumm beschreibt den Klang des U67 als weich, warm und angenehm zurückhaltend in den Höhen. Besonders bei Gesangsaufnahmen und als Drum-Overhead schätzt er diese Eigenschaften.

Die historischen Exemplare besitzen für ihn allerdings noch einen anderen Wert: Sie sind Teil der Studiogeschichte und mit Aufnahmen verbunden, die sich nicht wiederholen lassen.

Kein Wunder also, dass seine Antwort auf die Frage, welches Mikrofon er bei einem Brand als Erstes retten würde, eindeutig ausfällt: ein altes Neumann U67.

Vier Meter freier Fall: Ein Schoeps MK4 überlebt

Nicht jede Mikrofon-Geschichte handelt von legendären Alben. Manche entstehen beim Abbau nach einem langen Aufnahmetag.

Bei einem Konzertmitschnitt im Kloster Maulbronn hatte das Team der Bauer Studios rund 40 bis 50 Mikrofone aufgebaut. Neben der klassischen Mikrofonierung kamen zusätzliche Surround- und Höhenmikrofone zum Einsatz.

Nach dem Konzert begann der aufwendige Abbau. Dabei rutschte Michael Thumm ein altes Schoeps MK4 aus der Tasche – und fiel rund vier Meter tief auf den Boden.

Das Erstaunliche: Das Mikrofon überstand den Sturz weitgehend unbeschadet. Zwar ist seitdem ein leichtes Rasseln zu hören, technisch funktioniert es aber weiterhin einwandfrei.

Bis heute gehört das Schoeps MK4 zu den bevorzugten Mikrofonen der Bauer Studios, insbesondere bei Klavieraufnahmen. Michael schätzt die transparente Klangabbildung, die präzise Transientenwiedergabe und die geringe klangliche Färbung.

AKG C414: Eine peinliche Situation bei den Ärzten

Dass bei großen Liveproduktionen nicht immer alles nach Plan läuft, zeigt eine weitere Geschichte aus dem Interview.

2011 zeichneten Michael Thumm und seine Frau Bettina die XX- und XY-Konzerte der Ärzte in Dortmund auf. Für den Mitschnitt wurde eine temporäre Recording-Regie im Backstage-Bereich eingerichtet.

Während des Line-Checks bemerkte Michael, dass das AKG C414 am Snare-Bottom übersteuerte. Über ein Walkie-Talkie versuchte er Bettina auf der Bühne zu erreichen, damit das Pad am Mikrofon aktiviert werden konnte.

Doch auf der lauten Bühne war seine Anweisung kaum zu verstehen. Also wurde Michael deutlich lauter.

Ausgerechnet in diesem Moment verstummten sämtliche Instrumente auf der Bühne. Plötzlich konnten alle hören, wie Michael über das Walkie-Talkie seine Anweisungen brüllte.

Eine Situation, die Bettina souverän meisterte – und über die beide heute lachen können.

Das AKG C414 ist übrigens bis heute regelmäßig im Einsatz: an der Snare, an Toms und bei Jazzproduktionen auch an Saxofon oder Klarinette.

Beyerdynamic M160: Aus Fehlern wird man klug

Eine weitere Anekdote führt zurück in Michaels Studienzeit.

Bei der Aufnahme einer EP seiner damaligen Band wollte er unbedingt ein Bändchenmikrofon vor dem Gitarrenverstärker ausprobieren. Seine Wahl fiel auf das Beyerdynamic M160.

Erst Jahre später bemerkte er beim Betrachten alter Studiofotos, dass er das Mikrofon damals um 90 Grad verdreht aufgestellt hatte.

Ob das Signal überhaupt im fertigen Mix landete, weiß er heute nicht mehr. Neben dem M160 standen damals noch andere Mikrofone vor dem Gitarrenverstärker.

Für Michael ist die Geschichte ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig praktische Erfahrungen sind. Gerade während der Ausbildung müsse man die Möglichkeit haben, Fehler zu machen, zu experimentieren und daraus zu lernen.

Abbey Road: Ein Decca Tree mit Neumann M50

Ein besonderes Erlebnis war für Michael Thumm eine Orchesterproduktion mit dem Gitarrenduo Café del Mundo und dem Royal Philharmonic Orchestra in den Abbey Road Studios.

Aufgenommen wurde in Studio One, einem der bekanntesten Orchesteraufnahmeräume der Welt.

Für die Hauptmikrofonierung kam ein klassischer Decca Tree mit Neumann M50 zum Einsatz. Ein Mikrofontyp, den Michael selbst gerne in seiner Sammlung hätte.

Trotz seiner Begeisterung für diese Mikrofone betont er, dass das Ergebnis nicht allein von der Technik abhängt. Entscheidend seien vor allem das Orchester, der Aufnahmeraum und die Menschen, die mit der Technik arbeiten.

Eine Haltung, die sich durch das gesamte Gespräch zieht.

Vom AKG C12 bis zum Shure SM7B: Klassiker im Studioalltag

Neben diesen Geschichten sprechen wir über zahlreiche weitere Studiomikrofone und ihre Einsatzmöglichkeiten.

Das AKG C12 gehört für Michael zu den bevorzugten Mikrofonen bei Gesangsaufnahmen, insbesondere bei Sängerinnen. Im Vergleich zum Neumann U67 beschreibt er seinen Klang als deutlich heller, ohne dabei schnell unangenehm zu werden.

Das Brauner VM1 kam ursprünglich für eine Gesangsproduktion mit PUR in die Bauer Studios. Nach den Aufnahmen entschied sich das Studio, gleich ein gematchtes Stereopaar anzuschaffen.

Auch das Shure SM7B ist Thema. Michael kann den großen Hype um das Mikrofon zwar nicht vollständig nachvollziehen, schätzt aber seine praktischen Eigenschaften bei lauten Gesangsaufnahmen und am Bassverstärker.

Das Shure SM57 wiederum bleibt für ihn ein zuverlässiger Klassiker an Snare und Gitarrenverstärkern. Ein Mikrofon, dessen Klang jeder kennt und mit dem sich unkompliziert arbeiten lässt.

Und dann gibt es noch das Sennheiser MKH 8050: Ursprünglich für Orchesteraufnahmen angeschafft, entpuppte es sich in den Bauer Studios als überraschend vielseitiges Mikrofon, das inzwischen sogar als Drum-Overhead eingesetzt wird.

Warum legendäre Mikrofone mehr sind als technische Werkzeuge

Das Gespräch mit Michael Thumm zeigt, dass sich die Bedeutung eines Mikrofons nicht allein anhand von Frequenzgang, Richtcharakteristik oder Preis bestimmen lässt.

Manche Mikrofone haben Musikgeschichte geschrieben. Andere sind über Jahrzehnte zu unverzichtbaren Werkzeugen geworden. Wieder andere verbinden wir mit ganz persönlichen Erlebnissen – mit erfolgreichen Produktionen, überraschenden Entdeckungen oder Fehlern, über die wir heute lachen können.

Genau diese Geschichten stehen im Mittelpunkt unseres großen Jubiläums-Specials „20 legendäre Studiomikrofone“ in Sound&Recording 3/26.

Darin beschäftigen wir uns mit den Mikrofonen, die den Sound unzähliger Produktionen geprägt haben, und lassen erfahrene Engineers und Produzenten von ihren persönlichen Erfahrungen berichten.