AIM Audio – Wie entsteht eigentlich ein modernes Studiomikrofon?

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In dieser Episode des Studiosofa Podcasts sprechen wir mit Xavier Presser von AIM Audio über die Entwicklung von Studiomikrofonen – von der ersten Idee bis zur Endmontage in Berlin.

Xavier erzählt von seinem Weg vom Elektronik-Ingenieur über das Produktmanagement im Gaming-Bereich bis hin zur Mikrofonentwicklung bei AIM Audio. Gemeinsam tauchen wir tief in Themen wie Kapselauswahl, Qualitätskontrolle, Akustik, internationale Entwicklungsprozesse und die klanglichen Unterschiede zwischen übertragerlosen und übertragerbasierten Mikrofonen ein.

Außerdem sprechen wir darüber, wie subjektiv Mikrofonklang wirklich ist, warum Referenzhören über Lautsprecher und Kopfhörer so wichtig ist und welche Herausforderungen entstehen, wenn man Studiomikrofone heute wieder in Berlin produzieren möchte.

Studiomikrofone Made in Berlin: Wie AIM Audio Inspire und Essence entwickelt

Wie entsteht eigentlich ein modernes Studiomikrofon? In der neuen Episode des Studiosofa Podcasts sprechen Marc Bohn und Klaus Baetz mit Xavier Presser von AIM Audio über genau diese Frage. Im Mittelpunkt stehen die beiden Studiomikrofone AIM Audio Inspire und AIM Audio Essence, die nicht nur durch ihren Klang, sondern auch durch ihren ungewöhnlich praxisnahen Entwicklungsansatz auffallen.

AIM Audio ist eine junge Mikrofonmarke aus Berlin, verfolgt aber einen durchaus ambitionierten Anspruch: hochwertige Studiomikrofone sollen wieder in Berlin endmontiert, geprüft und produziert werden. Dazu gehören nicht nur die mechanische Fertigung und der Zusammenbau, sondern auch akustische Tests, elektronische Prüfungen und eine konsequente Qualitätskontrolle jedes einzelnen Mikrofons.

Xavier Presser bringt dafür einen spannenden Hintergrund mit. Nach seinem Einstieg bei beyerdynamic als Elektronik-Ingenieur wechselte er später ins Produktmanagement und betreute dort unter anderem Gaming-Headsets. Bei AIM Audio leitet er heute den Entwicklungsprozess, koordiniert Ingenieure und externe Partner und war maßgeblich daran beteiligt, aus frühen Prototypen serienreife Studiomikrofone zu machen.

Von der Idee zum Studiomikrofon

Die Grundidee hinter AIM Audio war nicht, ein weiteres Vintage-Mikrofon zu kopieren. Stattdessen sollte ein modernes Studiowerkzeug entstehen, das echte Probleme im Aufnahmealltag löst. Dafür arbeitete das Team früh mit einem Panel aus über 40 Personen aus der Musikindustrie zusammen, darunter Produzenten, Engineers, Studioinhaber und Musiker. Ihre Einschätzungen flossen direkt in die Entwicklung ein.

Ein zentraler Punkt war die Kapselauswahl. Statt sich von bekannten Bauformen oder Erwartungen leiten zu lassen, wurden verschiedene Kapseln in Blindtests miteinander verglichen. Entscheidend war nicht, welche Kapsel auf dem Papier die spannendste war, sondern welche über eine große Bandbreite an Quellen am besten funktionierte.

Das Ergebnis ist ein Mikrofonkonzept, das bewusst vielseitig angelegt ist. Inspire und Essence teilen sich denselben klanglichen Kern, unterscheiden sich aber in Ausstattung und Flexibilität. Das Inspire ist das größere, funktionsreichere Modell mit mehreren Richtcharakteristiken, umschaltbarer Einsprechrichtung und erweiterten Bedienelementen. Das Essence ist die reduzierte Variante mit fester Nierencharakteristik, aber derselben grundlegenden Klangästhetik.

Zwei Ausgangsstufen in einem Mikrofon

Besonders spannend ist die umschaltbare Ausgangsstufe. Beide Mikrofone erlauben den Wechsel zwischen einem übertragerlosen, elektronischen Signalpfad und einem übertragerbasierten Ausgang. Damit stehen im Grunde zwei Klangcharaktere in einem Mikrofon zur Verfügung.

Der elektronische FET-Modus klingt direkter, präziser und neutraler. Er eignet sich besonders dann, wenn Transienten möglichst klar und unverfälscht abgebildet werden sollen. Der Transformer-Modus bringt dagegen etwas mehr Charakter ins Signal. Xavier beschreibt ihn nicht als groben Farbeffekt, sondern eher als subtile Verdichtung. Transienten wirken etwas weicher, tiefere Frequenzen leicht angedickt, das Top-End etwas luftiger.

Wichtig: Das Umschalten zwischen den Ausgangsstufen erfolgt nicht mit hörbarer Latenz. Im Podcast wird dieser Punkt noch einmal klargestellt. Das Mikrofon nutzt dafür ein Relais-System; sobald das Mikrofon eine Weile an der Phantomspeisung hängt, lässt sich zwischen den Modi direkt und praktisch ohne Unterbrechung wechseln. Eine LED zeigt an, ob der Schaltvorgang abgeschlossen ist.

Warum Vitroperm im Übertrager steckt

Für den Transformer-Modus setzt AIM Audio nicht auf einen klassischen Eisenkernübertrager, sondern auf Vitroperm, ein nanokristallines Material. Der Grund liegt im Formfaktor und im Klangverhalten. Kleine klassische Übertrager können teilweise recht abrupt in die Sättigung gehen, was nicht immer musikalisch wirkt. Vitroperm erlaubt laut Xavier einen hohen Headroom und ein sanfteres Sättigungsverhalten bei kompakter Bauweise.

Auch hier zeigt sich der Entwicklungsansatz von AIM Audio: Die Technik soll nicht um ihrer selbst willen auffallen, sondern im Studioalltag einen hörbaren und praktischen Nutzen bringen.

Praktische Features für echte Studiosituationen

Neben der Ausgangsstufe bietet besonders das Inspire mehrere Funktionen, die direkt aus typischen Aufnahmesituationen heraus gedacht sind. Dazu gehört die umschaltbare Einsprechrichtung. So kann das Mikrofon beispielsweise vor einem Gitarrenamp oder in einer engen Aufnahmesituation so positioniert werden, dass die Kapsel zur Schallquelle zeigt, die Bedienelemente aber weiterhin für den Engineer sichtbar bleiben.

Auch die beleuchteten Taster, die dimmbare Anzeige und die Lock-Funktion sind nicht nur Designspielereien. Sie helfen in abgedunkelten Studios oder bei komplexeren Setups, Einstellungen sicher zu erkennen und versehentliches Verstellen zu vermeiden.

Ein weiteres Detail ist die Peak-Anzeige am Mikrofon. Sie warnt nicht primär davor, dass das Mikrofon selbst übersteuert, sondern weist auf sehr hohe Pegel hin, die in der nachfolgenden Signalkette problematisch werden könnten. Gerade bei schnellen Transienten kann das hilfreich sein, weil solche Pegelspitzen nicht immer sofort im normalen Metering auffallen.

ORBIT-Spinne und magnetischer Popfilter

Auch beim Zubehör wurde viel Entwicklungsarbeit investiert. Die ORBIT-Spinne verzichtet auf klassische Schraubmechaniken und erlaubt es, das Mikrofon schnell und sicher einzusetzen. Durch die Rotationsmöglichkeit lässt sich das Mikrofon flexibel positionieren, ohne ständig den Ständer neu ausrichten zu müssen. Gerade bei Overheads, Piano, Gitarrenamps oder engen Setups kann das viel Zeit sparen.

Der magnetische SENTRY-Popfilter folgt derselben Idee. Er sitzt automatisch im richtigen Abstand zur Kapsel und kann je nach Einsprechrichtung vorne oder hinten angebracht werden. Die hexagonale Lochstruktur soll Plosive reduzieren, ohne die Höhen unnötig zu dämpfen.

Mikrofonentwicklung zwischen Messung und Hören

Ein wichtiger Teil des Gesprächs dreht sich um die Frage, wie viel Mikrofonentwicklung Messung ist und wie viel Hören. Für Xavier ist klar: Am Anfang lässt sich guter Klang nicht allein durch Messwerte definieren. Ein Frequenzgang erzählt nur einen Teil der Wahrheit. Deshalb spielten subjektive Hörtests und Blindvergleiche eine zentrale Rolle.

Sobald die klanglichen Entscheidungen getroffen waren, wurde die Messtechnik umso wichtiger. Jedes AIM-Audio-Mikrofon wird elektronisch und akustisch geprüft. Dazu gehören Rauschwerte, Spannungen, Frequenzgang und Richtcharakteristik. Ziel ist, dass nicht nur der Prototyp überzeugt, sondern jedes Serienmodell denselben Qualitätsanspruch erfüllt.

Studiomikrofone mit modernem Anspruch

AIM Audio zeigt mit Inspire und Essence, dass Mikrofonentwicklung auch heute noch weitergedacht werden kann. Es geht nicht nur um Klang, sondern auch um Bedienbarkeit, Flexibilität und reproduzierbare Qualität. Die Mikrofone sollen klassische Studioarbeit nicht ersetzen oder neu erfinden, sondern an entscheidenden Stellen komfortabler machen.

Gerade der Wechsel zwischen elektronischem und übertragerbasiertem Ausgang, die umschaltbare Einsprechrichtung und das durchdachte Zubehörsystem machen das Inspire zu einem ungewöhnlich vielseitigen Werkzeug. Das Essence konzentriert diesen Ansatz auf ein reduzierteres Format und richtet sich an alle, die den Klangcharakter der Serie nutzen möchten, aber weniger Zusatzfunktionen benötigen.