Mikrofonmythen & Mikrofonklassiker ohne Legendenbonus

„Das U87 klingt für mich kalt und inhaltslos“ – Chris Kling über Mikrofonmythen

Warum klingt nicht jedes AKG C414 gleich? Ist der vermeintliche Vintage-Sound eines alten D12 möglicherweise nur ein Defekt? Und weshalb kann Toningenieur Chris Kling den Hype um das Shure SM7B kaum nachvollziehen? Im Videocast spricht der Betreiber der Klangkantine Studios über überschätzte Klassiker, unterschätzte Arbeitstiere und Mikrofone, die ihn bis heute begeistern.

Chris Klings Weg ins professionelle Tonstudio begann dort, wo viele Recording-Karrieren ihren Anfang nehmen: im Proberaum der eigenen Band. Anfang der 2000er-Jahre nahm er die ersten Songs selbst auf. Bald kamen weitere Bands hinzu, aus dem Hobby wurde ein Gewerbe und aus den Proberäumen entwickelte sich Schritt für Schritt die Klangkantine in Darmstadt.

Heute produzieren die Klangkantine Studios nicht nur Bands, sondern auch Sprachaufnahmen, Sounddesign und Hörbücher. Der musikalische Schwerpunkt ist dennoch geblieben – besonders bei Produktionen, in denen organische Klänge und das gemeinsame Spiel einer Band im Mittelpunkt stehen. Der große Aufnahmeraum und das Multi-Room-Setup ermöglichen es, Musiker gleichzeitig, mit Sichtkontakt und dennoch akustisch getrennt aufzunehmen.

Im Interview zur Jubiläumsausgabe 3/26 von Sound&Recording spricht Chris Kling über seinen Studioalltag und seine sehr persönlichen Erfahrungen mit bekannten Mikrofonklassikern. Dabei geht es weniger um Datenblätter als um die entscheidende Frage: Was funktioniert bei einer echten Aufnahme?

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Hören statt auf große Namen vertrauen

Chris Kling entscheidet bei Studioequipment konsequent nach Gehör. Mikrofone und Preamps werden in realen Sessions ausprobiert und, wenn möglich, im Team blind verglichen. Erst danach fällt die Entscheidung, welches Gerät bleiben darf. Große Namen oder ein möglicher Wiederverkaufswert spielen für ihn eine untergeordnete Rolle.

Gerade abseits der etablierten Klassiker hat er auf diese Weise Geräte entdeckt, die heute fest zu seinem Studioalltag gehören. Ihn interessiert dabei nicht nur der Klang an sich, sondern auch, ob die Technik den Workflow verbessert: Je besser das Ausgangsmaterial aufgenommen ist, desto weniger Energie muss später in Korrekturen fließen.

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AKG C414: Der Modellname allein sagt wenig aus

Eine seiner wichtigsten Lektionen lernte Chris mit dem AKG C414. Ein älteres C414 B-ULS hatte er lange als Leihgabe im Studio und setzte es unter anderem für dunklere Vocals, Toms und akustische Gitarren ein. Für ihn war es eine kompakte und vielseitige Universalwaffe.

Als er das geliehene Mikrofon zurückgeben musste, kaufte er ein neueres C414 XLS – in der Annahme, damit den Nachfolger und damit mindestens einen gleichwertigen Ersatz zu bekommen. Die erste Aufnahme war jedoch ernüchternd. Das neue Exemplar klang für ihn in den Tiefmitten merkwürdig und hatte wenig mit dem Mikrofon gemeinsam, das er zuvor so gerne verwendet hatte.

Erst durch eine ausführliche Beschäftigung mit den zahlreichen Versionen des C414 wurde ihm klar, wie stark sich die Modelle technisch und klanglich unterscheiden. Schließlich kaufte er zwei C414 B-ULS. Seine Schlussfolgerung fällt eindeutig aus: Bei einem Klassiker reicht es nicht, nur auf den bekannten Modellnamen zu schauen – die konkrete Version kann entscheidend sein.

AKG D12: Vintage-Klang oder einfach defekt?

Eine ähnliche Erfahrung machte Chris mit dem AKG D12. Für eine Rockproduktion mit gewünschtem Vintage-Charakter besorgte er ein gebrauchtes Exemplar. An der Bassdrum klang es allerdings dünn und setzte sich im Mix nicht durch. Zunächst hielt er genau das für den historischen Charakter des Mikrofons.

Später erfuhr er, dass viele alte D12 durch jahrzehntelangen Einsatz technisch nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand sind. Ein weiteres, auf Echolette gelabeltes Exemplar zeigte ihm schließlich, wie ein intaktes D12 klingen kann: plötzlich groß, fett und völlig anders als das zuerst gekaufte Mikrofon.

Die Geschichte verdeutlicht ein grundsätzliches Problem beim Kauf historischer Mikrofone. Gibt ein Mikrofon noch ein Signal aus und verzerrt nicht offensichtlich, lässt sich ohne Vergleichsexemplar kaum beurteilen, ob sein ungewöhnlicher Klang zur Konstruktion gehört oder durch Alterung und Verschleiß entstanden ist.

Shure SM7B: Warum eigentlich dieser Hype?

Beim Shure SM7B fällt Chris Klings Urteil besonders deutlich aus. Er versteht kaum, weshalb es sich zum Standard in unzähligen Podcast- und Streaming-Setups entwickelt hat. Für ihn ist das Mikrofon vor allem ein optisches Statussymbol geworden: Es signalisiert sofort den bekannten Podcast-Look, überzeugt ihn klanglich und beim Ausgangspegel aber nicht.

Ganz abschreiben möchte er das SM7B dennoch nicht. Als Effektmikrofon für nasale Vocals oder bei lauten Rockproduktionen kann es funktionieren, weil es hohe Pegel verträgt. Auch Marc Bohn berichtet im Gespräch von Anwendungen in lauten Messehallen, in denen das Mikrofon Umgebungsgeräusche brauchbar reduziert hat. Als pauschale Empfehlung für Sprache oder Podcasts sieht Chris es jedoch nicht.

Seine bevorzugte Alternative ist das Beyerdynamic M 88. Das dynamische Mikrofon liefert deutlich mehr Pegel, ist stark gerichtet und funktioniert für ihn nicht nur bei Sprache, sondern auch an Snare und Bassdrum. Bei einem umfangreichen Podcast-Mikrofonvergleich der Klangkantine ging das M 88 für ihn als Sieger hervor.

Sennheiser MKH 40: Der unterschätzte Allrounder

Als eines der am meisten unterschätzten Mikrofone bezeichnet Chris das Sennheiser MKH 40. Kennengelernt hat er es bei einer Session mit einem britischen Produzenten, der für ein Weltmusikprojekt internationale Musiker und ungewöhnliche Instrumente aufnahm. Für eine Kalimba holte der Produzent ein MKH 40 aus seinem Gepäck – und Chris war unmittelbar vom Klang beeindruckt.

Er beschreibt die Aufnahme als plastisch, dreidimensional und sauber, zugleich aber mit festen, eher dunklen Tiefmitten. Später kaufte er ein gebrauchtes Pärchen und setzte es für Overheads, Instrumente und Spotmikrofonierungen ein. Selbst im direkten Vergleich mit zwei U47 als Drum-Overheads entschied er sich für die MKH 40.

Dass das Mikrofon im Pop- und Rockbereich vergleichsweise selten auftaucht, führt Chris auch auf sein unspektakuläres Äußeres und seine stärkere Verbreitung bei Klassik- und Außenaufnahmen zurück. Gerade gebraucht hält er es deshalb für einen echten Geheimtipp.

Neumann U67 und U87: Poesie gegen Legendenstatus

Im Neumann U67 hat Chris vieles von dem gefunden, was andere dem U87 zuschreiben. Besonders fasziniert ihn das lebendige Mittenband. Es verleiht Stimmen für ihn eine emotionale Qualität und unterstützt die Aussage eines Sängers oder Sprechers. Chris beschreibt es im Gespräch sogar als eine Art „Poesie“ in den Mitten.

Auch die zurückhaltende Darstellung von Zischlauten und die Eignung für nahe Mikrofonierungen gefallen ihm. Das U67 verbindet für ihn Charakter und Musikalität, ohne übermäßig hell zu werden.

Beim U87 fällt seine Einschätzung kritischer aus. Gerade bei modernen, digitalen Aufnahmen empfindet er dessen Höhen als weniger angenehm. Sein Urteil ist bewusst subjektiv und deutlich: Für ihn klingt das U87 „kalt und inhaltslos“ und ist gemessen am Preis überbewertet. Ein schlechtes Mikrofon sei es deshalb nicht – nur das Verhältnis aus Preis, Klang und Legendenstatus überzeugt ihn nicht.

Vox-O-Rama Typ 47: Eine komplette Aufnahme mit nur einem Mikrofon

Besonders eng ist Chris’ Verbindung zum Vox-O-Rama Typ 47 und dessen Entwickler Andreas Grosser. Dessen Wissen, Hilfsbereitschaft und Leidenschaft für historische Neumann-Mikrofone haben ihn tief beeindruckt. Grosser beschäftigte sich bis ins Detail mit Kapseln, Röhren, Trafos und Netzteilen und nahm sich dennoch Zeit, technische Zusammenhänge ausführlich zu erklären.

Das Typ 47 überzeugte Chris auch im Vergleich mit historischen U47-Exemplaren. Meistens verwendet er es für Gesang und kombiniert es je nach Stimme mit unterschiedlichen Preamps. Oft ist danach kaum weitere Bearbeitung nötig.

Wie vielseitig das Mikrofon sein kann, zeigte eine Aufnahme mit einer Americana-Singer-Songwriterin. Chris stellte nur das Typ 47 vor die Musikerin, die gleichzeitig sang und eine alte Gibson-Akustikgitarre spielte. Dazu kamen Hall und Tape-Delay – mehr brauchte die veröffentlichte Aufnahme nicht. Für Chris ist das eines der wenigen Mikrofone, mit denen eine solche reduzierte Mono-Aufnahme wirklich funktioniert.

Ein 150-Dollar-Bändchen als Geheimtipp

Eine der ungewöhnlichsten Geschichten des Interviews handelt von einem russischen Bändchenmikrofon. Ein befreundeter Engineer gab Chris die E-Mail-Adresse eines Entwicklers aus St. Petersburg, der die Mikrofone selbst baute. Der Kontakt lief direkt, bezahlt wurde per PayPal und geliefert mit der russischen Post. Der Preis: etwa 150 Dollar pro Stück.

Das äußerlich wenig luxuriöse Bash Audio RM-BIV überzeugte ihn klanglich vollständig. Im direkten Vergleich zog Chris es sogar einem erheblich teureren Royer R-121 vor. Er setzte die Bändchen unter anderem für Bläser, Drum-Overheads, Raummikrofonierungen und gelegentlich für Gesang ein. In seinem Umfeld sprach sich der Geheimtipp herum; später wurden sogar Sammelbestellungen organisiert.

Sennheiser MD 441: Das Mikrofon aus dem Palast der Republik

Auch das Sennheiser MD 441 verbindet Chris mit einer besonderen Geschichte. Eines seiner ersten Exemplare trug eine eingravierte Inventarnummer und die Kennzeichnung „PDR“: Das Mikrofon war offenbar im Palast der Republik installiert gewesen.

Chris schätzt das MD 441 nicht nur wegen seiner gerichteten Arbeitsweise und seines Klangs, sondern auch wegen seines ungewöhnlichen Designs mit Kunstleder, Chrom und langgezogenem Gehäuse. Besonders gerne verwendet er es an der Snare. Das historische Exemplar verkaufte er später, weil die Gravur seinen Sammlerwert erhöhte. Heute besitzt er wieder ein MD 441 – diesmal ohne politische Vergangenheit.

Mikrofonklassiker ohne Legendenbonus

Das Gespräch mit Chris Kling zeigt, wie wenig sich ein Mikrofon allein anhand seines Namens, Alters oder Preises bewerten lässt. Verschiedene Modellversionen können völlig unterschiedlich klingen, vermeintlicher Vintage-Charakter kann sich als Defekt herausstellen und ein unscheinbares Arbeitstier kann im direkten Vergleich einen berühmten Klassiker schlagen.

Entscheidend ist für Chris deshalb das Hören unter realen Bedingungen. Nicht Mythos oder Markenname bestimmen, welches Mikrofon vor die Schallquelle kommt, sondern die Frage, ob es in genau dieser Aufnahme funktioniert.

Die vollständige Videocast-Episode mit Chris Kling ist jetzt auf dem Sound&Recording-Kanal und überall verfügbar, wo es Podcasts gibt.

Weitere persönliche Geschichten, Erfahrungen und Anekdoten findet ihr im großen Special „20 legendäre Studiomikrofone“ in der Jubiläumsausgabe 3/26 von Sound&Recording. Das Heft ist unter www.soundandrecording-magazin.de sowie deutschlandweit an vielen Bahnhofs- und Flughafenkiosken erhältlich.

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