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Was passiert, wenn man sich nicht zwischen Studio und Live entscheiden will – sondern beides konsequent miteinander verbindet? In dieser Episode des Studiosofa Podcasts sprechen wir mit Drazen Matuzovic über seinen Weg vom DIY-Musiker zum professionellen Audio Engineer. Vom Home-Recording für die eigenen Bands über die Ausbildung an der SET bis hin zur radikalen Entscheidung, den sicheren Job im Sozialbereich hinter sich zu lassen und vollständig in die Audiowelt einzusteigen. Heute arbeitet Drazen nicht nur in seinem eigenen Studio, sondern ist auch hauptverantwortlich für die Audiotechnik am Alter Schlachthof Wels und betreut Bands live und im Studio. Wir sprechen über: – den Schritt in die Selbstständigkeit – warum Live-Erfahrung dein Studio-Game verändert – den bewussten Einsatz von analogem Equipment wie Bandmaschine und Pult – und wie man sich zwischen Punk-Attitüde, Pop-Produktionen und eigener Handschrift positioniert
Hybrid Engineer: Wie Drazen Matuzovic Studio, Live-Sound und analoge Workflows verbindet
Zwischen Studio und Bühne: Ein neuer Typ Audio Engineer
Studio oder Live? Für Drazen Matuzovic ist das längst keine Entweder-oder-Frage mehr. Der Audio Engineer aus Oberösterreich arbeitet in seinem eigenen Heavy Tone Studio, betreut Live-Produktionen im Alten Schlachthof Wels und verbindet dabei digitale Flexibilität mit analogem Workflow. Im Studiosofa Podcast spricht er über seinen Weg vom DIY-Musiker zum hauptberuflichen Tontechniker, über den Bau seines Studios in einer ehemaligen Traktorgarage und darüber, warum eine Bandmaschine für ihn mehr ist als nur nostalgisches Studio-Mobiliar.
Vom DIY-Musiker zum Audio Engineer
Der Einstieg in die Audiowelt kam bei ihm, wie bei vielen Engineers, nicht über einen großen Karriereplan, sondern über die eigene Band. Seit über 20 Jahren macht Drazen Musik, spielt live und übernahm irgendwann zwangsläufig die Rolle desjenigen, der die Songs mitschneidet, mischt und veröffentlichungsfähig macht. Was zunächst aus praktischer Notwendigkeit entstand, wurde immer mehr zur Leidenschaft.
Ausbildung, Praxis und der lange Weg zur Professionalität
2016 absolvierte er an der SET in Wien eine Ausbildung im Audiobereich. Besonders prägend war für ihn dabei weniger der reine Theorieblock, sondern der direkte Kontakt zu Dozenten aus der Praxis. Mixe zeigen, Feedback bekommen, Fehler machen und daraus lernen: Genau diese Mischung aus Handwerk, Kritik und Anwendung brachte ihn weiter. Trotzdem dauerte es noch einige Jahre, bis aus dem Audiothema ein Beruf wurde.
Der radikale Schritt in die Selbstständigkeit
Der entscheidende Schnitt kam 2020. Nach 15 Jahren im Sozialbereich, zuletzt auch mit Leitungsfunktion, entschied sich Drazen, seinen sicheren Job zu kündigen und vollständig in die Audiowelt zu wechseln. Zunächst richtete er sich ein festes Homestudio ein, meldete dieses später offiziell als Tonstudio an und arbeitete sich Schritt für Schritt in die Selbstständigkeit.
Der Zeitpunkt war ungewöhnlich: Während der Corona-Zeit lag der Live-Bereich brach. Gleichzeitig nutzten viele Bands die Zwangspause für Studioarbeit. Für Drazen wurde genau diese Phase zur intensiven Lernzeit. Mit der eigenen Band verbrachte er unzählige Stunden im Studio, probierte Mikrofonpositionen aus, experimentierte mit Sounds und sammelte Erfahrungen, die später direkt in die Arbeit mit anderen Bands einflossen.
Zwei Welten, ein Workflow: Studio und Live im Alltag
Heute ist sein Arbeitsfeld bewusst breit aufgestellt. Neben dem Studio arbeitet Drazen seit mehreren Jahren im Alten Schlachthof Wels, einer etablierten Konzertlocation mit rund 750 Plätzen. Dort ist er im Audiobereich verantwortlich, betreut Shows, kümmert sich um technische Abläufe, Soundchecks, Wartung und die Zusammenarbeit mit Bands und Tour-Technikern.
Gerade diese Live-Erfahrung prägt auch seine Studioarbeit. Auf der Bühne müssen Entscheidungen schnell fallen. Probleme lassen sich nicht endlos analysieren, sondern müssen gelöst werden. Diese Ruhe in Drucksituationen führt Drazen nicht nur auf seine Live-Erfahrung zurück, sondern auch auf seine Zeit im Sozialbereich: Kommunikation, Empathie, Krisenmanagement und der Umgang mit sehr unterschiedlichen Menschen sind Fähigkeiten, die im Studio und auf der Bühne mindestens so wichtig sein können wie technisches Wissen.
Warum guter Sound mit Menschen beginnt
Für ihn beginnt guter Sound deshalb nicht erst am Pult oder in der DAW, sondern im Umgang mit Menschen. Musiker müssen sich wohlfühlen, ernst genommen werden und sich auf den Engineer verlassen können. Das gilt live genauso wie im Studio.
Wenn eine Band auf der Bühne steht, soll sie sich um ihre Performance kümmern können – nicht um technische Probleme. Im Studio wiederum entscheidet die menschliche Ebene oft darüber, ob eine Produktion wirklich funktioniert. Deshalb lädt Drazen neue Bands gerne erst einmal für einen einzelnen Song ein. Nicht nur, um den Sound zu testen, sondern auch, um herauszufinden, ob die Zusammenarbeit menschlich passt.
Ein Studio entsteht: Vom Vierkanthof zum Recording Space
Das Heavy Tone Studio ist aus dieser Haltung heraus gewachsen. Der Raum entstand nicht als durchfinanziertes Hochglanzprojekt, sondern als langfristiger DIY-Umbau einer ehemaligen Traktorgarage auf einem Vierkanthof. Rund 100 Quadratmeter standen zur Verfügung.
Drazen stemmte den Boden heraus, ließ ausbaggern, betonierte eine neue Bodenplatte und baute große Teile gemeinsam mit seinem Vater selbst. Aufnahmeraum und kleiner Nebenraum wurden als Raum-in-Raum-Konstruktionen realisiert, damit Sprachaufnahmen und Musikproduktionen nicht mehr durch Traktoren, Kinderlärm oder andere Außengeräusche gestört werden.
Der Control Room umfasst etwa 25 Quadratmeter, der große Aufnahmeraum rund 30 Quadratmeter, ergänzt durch einen kleineren Aufnahmeraum und einen Technikbereich.
DIY statt Hochglanz: Persönlichkeit als Konzept
Der Studiobau dauerte mehrere Jahre und kostete mehr als ursprünglich geplant. Gleichzeitig ermöglichte gerade der hohe Eigenanteil, dass das Projekt wirtschaftlich machbar blieb. Bassfallen, akustische Elemente und viele bauliche Details entstanden in Eigenarbeit.
Das Ergebnis ist ein Studio mit klarer Persönlichkeit: kein steriler Funktionsraum, sondern ein Ort mit sichtbarer Geschichte, originalem Mauerwerk, Neon-Logo und einer Atmosphäre, die Bands direkt abholt.
Hybrid-Workflow: Analog trifft Digital
Technisch steht das Studio für einen klaren Hybrid-Gedanken. Drazen arbeitet mit einem analogen Tascam M-700-Pult, einer Otari MTR-90 24-Spur-Bandmaschine auf Zwei-Zoll-Band, Apollo-Interfaces und Pro Tools.
Besonders spannend ist dabei sein Routing-Ansatz: Über die Inserts des analogen Pults bindet er die Ein- und Ausgänge seiner Apollo-Interfaces ein und kann dadurch UAD-Plugins nahezu latenzfrei wie externe Kompressoren auf den Kanälen nutzen.
Für ihn ist das ein echtes Hybrid-Setup: analoges Pultgefühl, analoges Routing und Tape-Workflow treffen auf die Flexibilität moderner Plugin-Bearbeitung.
Bandmaschine als kreatives Werkzeug
Die Bandmaschine spielt dabei eine besondere Rolle. Drazen beschreibt Tape nicht als rein nostalgisches Accessoire, sondern als klangliches und psychologisches Werkzeug. Natürlich verändert Band den Sound, gibt Sättigung, Bewegung und eine andere Form von Dichte.
Aber genauso wichtig ist der Prozess. Wenn eine Bandmaschine läuft, verändert sich die Stimmung im Raum. Takes werden bewusster gespielt, das Zurückspulen dauert einen Moment, die Produktion bekommt eine andere Geschwindigkeit. Gerade für Bands, die bereits mehrere Alben komplett zuhause aufgenommen haben, kann ein Song auf Band ein kreativer Perspektivwechsel sein.
Kein Dogma: Technik folgt der Musik
Trotzdem setzt Drazen analoges Equipment nicht dogmatisch ein. Wenn eine Band kein Interesse an Tape hat, wird direkt in die DAW aufgenommen. Wenn es zur Produktion passt, kommen Pult und Bandmaschine ins Spiel.
Entscheidend ist nicht die Ideologie, sondern die Frage, was dem Song, der Band und der Performance hilft. Genau darin liegt seine eigentliche Stärke als Hybrid Engineer: Er verbindet Welten, ohne eine davon zum Selbstzweck zu machen.
Live-Arbeit als Netzwerk und Lernfeld
Auch im Live-Bereich zeigt sich dieser pragmatische Ansatz. Im Alten Schlachthof Wels arbeitet Drazen mit einem Allen & Heath dLive-System, bereitet Shows strukturiert vor, legt Szenen für verschiedene Bands an und achtet besonders auf guten Monitorsound.
Wenn Touring-Techniker mitkommen, versteht er sich als Ansprechpartner, Support und Schnittstelle zur Venue. Bei größeren Produktionen wie WIZO steht er nicht im Mittelpunkt, sondern sorgt dafür, dass die mitgebrachten Crews schnell und sauber arbeiten können.
Gleichzeitig nutzt er solche Abende auch als Lernchance. Er schaut erfahrenen Technikern über die Schulter, stellt Fragen und nimmt Impulse mit – ähnlich wie bei seinem Workshop mit Joe Barresi in Los Angeles, den er als besonders prägend beschreibt.
Sound, Herkunft und Haltung
Musikalisch kommt Drazen aus Punk, Blues, Garage Rock und Heavy Rock. Diese Herkunft hört man seiner Arbeit an, auch wenn er sich ungern auf einen fest definierten Signature Sound festnageln lässt.
Heavy Rock, Punk und alles, was mit Gitarrenmusik zu tun hat, bilden den Schwerpunkt seines Studios. Gleichzeitig produziert er auch andere Projekte, darunter Pop oder ungewöhnliche Formate wie Heavy-Rock-Kindermusik.
Sein Zugang bleibt dabei immer ähnlich: ausprobieren, anhören, entscheiden. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es verworfen. Wenn es inspiriert, wird es weiterverfolgt.
„Was hat man zu verlieren?“ – Eine Arbeitsphilosophie
Gerade diese Offenheit zieht sich durch das gesamte Gespräch. Drazen wirkt nicht wie jemand, der sich über Technik definieren muss, obwohl sein Studio voller spannender Technik steht. Vielmehr geht es ihm um Haltung, Erfahrung und den Mut, Dinge praktisch auszuprobieren.
Sein Satz „Was hat man zu verlieren?“ beschreibt diesen Ansatz ziemlich gut. Eine Mikrofonposition, ein Funk-In-Ear im Studio, ein Song auf Band, ein ungewöhnliches Routing über die Apollo-Interfaces: Entscheidend ist, ob es funktioniert.
Fazit: Mehr als nur Studio oder Live
Damit steht Drazen Matuzovic exemplarisch für einen modernen Typus von Audio Engineer. Einer, der nicht nur im Studio sitzt, nicht nur live mischt und nicht nur analogem Gear hinterherjagt, sondern all diese Erfahrungen miteinander verbindet.
Der Live-Bereich bringt Tempo, Ruhe und Problemlösungskompetenz. Das Studio bringt Tiefe, Klanggestaltung und Konzentration. Der analoge Workflow bringt Charakter, Haptik und eine andere Form von Aufmerksamkeit. Zusammen entsteht daraus ein Arbeitsmodell, das für viele Engineers heute relevanter ist denn je.
Denn am Ende geht es nicht darum, ob Studio oder Live der „richtige“ Weg ist. Es geht darum, wie sich beide Welten gegenseitig stärker machen. Genau darin liegt die eigentliche Geschichte dieses Interviews: Ein Engineer baut sich nicht nur ein Studio, sondern eine eigene Arbeitsweise. Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis für alle, die heute im Audio-Bereich ihren Platz finden wollen.

