20 legendäre Studiomikrofone – das klingt zunächst nach einer Menge. Doch spätestens während der Gespräche für unsere Jubiläumsausgabe wurde klar: Eigentlich sind 20 Plätze viel zu wenig. Neben U 47, U 67, ELA M 251, C12 und den anderen großen Namen tauchten immer wieder Mikrofone auf, die mindestens ebenso spannende Geschichten zu erzählen haben.
Manche davon sind selbst längst Klassiker, andere echte Geheimtipps. Einige haben einen Engineer über Jahrzehnte begleitet, andere wurden zufällig entdeckt, retteten eine Produktion oder überzeugten im direkten Vergleich gegen weitaus prominentere Konkurrenten. Und mindestens eines hätte rückblickend eigentlich einen Platz unter unseren 20 legendären Studiomikrofonen verdient: das Sennheiser MD 441.
Deshalb geht unser Mikrofon-Special weiter. Bühne frei für unsere Unsung Heroes.
Das gesamte Special mit weiteren Mikrofonklassikern findet ihr in der Ausgabe 3/26 des Sound&Recording-Magazins und im Podcast zur Ausgabe. Jetzt bestellen:
Sennheiser MD 441
Der heimliche 21. Klassiker
Wenn wir unsere Auswahl noch einmal öffnen dürften, wäre das Sennheiser MD 441 wahrscheinlich der erste Nachrücker. Gleich drei unserer Gesprächspartner haben uns unabhängig voneinander eine Geschichte dazu erzählt – und unterschiedlicher könnten ihre Perspektiven kaum sein.
Chris Kling: Mein erstes Exemplar kam aus dem Palast der Republik
„Das erste MD 441 habe ich auch deshalb gekauft, weil ich es einfach wunderschön fand. Natürlich hatten viele Leute ihm hervorragende Klangeigenschaften attestiert, aber mich hat dieses Mikrofon schon ästhetisch angesprochen. Der Kunstlederüberzug, die langgezogene Form, die Doppelkapsel und der chromfarbene Popschutz – ich kenne kaum ein anderes Mikrofon, das mich optisch so befriedigt.
Dieses erste Exemplar war eine der frühen eBay-Investitionen unseres Studios und trug eine besondere Gravur: ‚PDR‘ für Palast der Republik, dazu eine interne Inventarnummer. Das Mikrofon war also im ehemaligen Regierungssitz der DDR in Berlin verbaut gewesen, in dem Honecker seine Reden hielt. Ausgerechnet dieses westdeutsche Mikrofon hatte dort offenbar zur festen Ausstattung gehört.
Irgendwann brauchte ich Geld und sagte mir: Du bist kein Sammler. Wegen der Gravur bekommst du dafür wahrscheinlich mehr, als das Mikrofon normalerweise wert wäre. Genau so war es, und ich verkaufte es.
Mittlerweile besitze ich wieder ein MD 441, diesmal ohne die historische Inventarnummer. Klanglich ist es nach wie vor ein tolles, stark gerichtetes Mikrofon. Bei mir landet es heute vor allem an der Snare – und dort ist es eine Granate.“
„Ich wüsste kein Mikrofon, das mich ästhetisch so befriedigt wie das MD 441.“
Moses Schneider: Vom Skeptiker zum DROOM-Mikrofon
Moses Schneider hatte zunächst ein vollkommen anderes Verhältnis zum MD 441:
„Ich war ehrlich gesagt nie ein großer Freund des MD 441. Jemand hatte es irgendwann einmal an der Snare aufgebaut und da dachte ich nur: Nee, das SM57 ist als Snare-Mikrofon einfach besser.
Später habe ich das MD 441 dann für meinen DROOM neu entdeckt. Dafür macht es einen fantastischen Job. Das Mikrofon steht direkt vor dem Schlagzeug ungefähr auf Beckenhöhe, zeigt aber vom Drumset weg auf die andere Seite des Raums. Das Schlagzeug befindet sich also gewissermaßen im Rücken des Mikrofons. Durch die starke Richtwirkung funktioniert das mit dem MD 441 sehr gut.
Beim DROOM geht es darum, einen Raumklang zu bekommen, den man sehr laut machen kann, ohne dass das Schlagzeug dadurch indirekt wird. Bei klassischen weit entfernten Raummikrofonen entstehen durch die Laufzeit schnell Flams zwischen Close-Mikrofonen und Raum. Beim DROOM ist der Abstand zum Schlagzeug dagegen so gering, dass dieser Effekt nicht entsteht. Man bekommt einen großen, gut komprimierbaren Raum, ohne dass die Drums ihre Direktheit verlieren.“
Auch für Bläser hält Moses das MD 441 für ein sehr gutes Mikrofon. Ein schönes Beispiel dafür, dass ein Mikrofon manchmal erst die richtige Anwendung braucht, bevor es zum Favoriten wird.
Nils Dreyer: Manchmal ist es nur eine Schraube
Restaurator Nils Dreyer wiederum verbindet mit dem MD 441 keine Produktion, sondern eine Reparatur:
„Ein Kunde schickte mir ein MD 441, weil es ständig Aussetzer hatte. Solche Fehler sind oft schwierig zu finden. Man misst alles durch, überprüft die Elektronik und findet trotzdem nichts.
Am Ende war die Ursache fast schon unspektakulär. Eine kleine Schraube hatte sich gelöst und sorgte dafür, dass im Inneren etwas nicht mehr richtig saß. Nachdem die Schraube wieder befestigt war, funktionierte das Mikrofon wieder völlig normal.“
Für Nils gehört das MD 441 ohnehin zu den technisch interessantesten dynamischen Mikrofonen: „Es ist unglaublich präzise gebaut und genau deshalb lohnt es sich fast immer, so ein Mikrofon zu erhalten.“
„Am Ende war es nur eine kleine Schraube.“

Beyerdynamic M 88
Der unscheinbare Sieger
Für Chris Kling ist das Beyerdynamic M 88 ein Musterbeispiel dafür, warum man Mikrofone besser mit den Ohren als anhand ihres Images beurteilt.
„Ich bin ein tierischer Fan des Beyerdynamic M 88. Es sieht zwar sehr unspektakulär aus, aber das ist eigentlich schon sein größter optischer Nachteil. Bauartbedingt hat es als Hyperniere einen starken Nahbesprechungseffekt und ist entsprechend ploppanfällig. Man braucht also einen guten Poppschutz. Davon abgesehen ist es ein Knaller: an der Snare, an der Bassdrum und auch für Sprache.“
Als Chris und sein Team Podcast-Studios planten und ausstatteten, wurde das M 88 nicht aufgrund des Markennamens ausgewählt. Stattdessen bestellten sie verschiedene infrage kommende Mikrofone, nahmen Hörbeispiele auf und verglichen sie direkt miteinander.
„Das M 88 ging als Sieger hervor. Vorher hätte ich selbst nicht erwartet, dass genau dieses Mikrofon am Ende vorne liegt.“
Seine starke Richtwirkung blendet seitliche Umgebungsanteile wirkungsvoll aus, gleichzeitig liefert es genug Pegel, sodass Chris keinen zusätzlichen Inline-Preamp benötigt. Früher setzte er das M 88 außerdem gerne vor Gitarrenverstärkern ein – insbesondere dann, wenn ein bulligerer Klang gefragt war als mit einem SM57.
„Ich höre einfach gerne und entscheide darüber. Sonst hätte ich das M 88 auch nicht entdeckt.“
Sennheiser MKH 40
Gegen zwei U 47 – und geblieben
Das Sennheiser MKH 40 entdeckte Chris Kling eher zufällig. Ein britischer Produzent hatte sich mit seiner Band bei ihm eingemietet und arbeitete an einem Weltmusikprojekt. Für eine Session brachte er einen Kalimba-Spieler mit.
Chris stellte zunächst ein Kleinmembranpärchen auf. Dann holte der Produzent seine MKH 40 heraus.
„Mein erster Gedanke war: Alter, wie geil klingt das denn? Diese Mikrofone sind relativ klein, superleicht, einfach schwarz und optisch völlig unauffällig. Aber die Aufnahme klang unglaublich plastisch, fast wie mit einem Großmembranmikrofon: clean, mit richtig schönen, festen Tiefmitten und eher von der dunkleren Seite.“
Während der Corona-Zeit kaufte Chris schließlich ein Paar. Seitdem verwendet er die MKH 40 regelmäßig als Drum-Overheads, für A/B und ORTF sowie als Spotmikrofone.
Und dann kam der Vergleich, den man einem derart unscheinbaren Mikrofon vielleicht kaum zutrauen würde:
„Ich hatte sie gegen zwei U 47 als Overheads – und bin beim MKH 40 geblieben.“

RØDE NT1-A
Wenn ein günstiges Mikrofon den ersten Job rettet
Für Frank Schreiber wird das RØDE NT1-A immer ein besonderes Mikrofon bleiben. Gerade hatte er nach dem Studium sein Studio in Köln eingerichtet, als das Telefon klingelte: Musik für einen TV-Werbespot – inklusive Vocals und natürlich mit wenig Zeit.
Das Problem: Ein entsprechendes Studiomikrofon besaß Frank noch nicht.
„Kurzfristig Studios zu buchen war erstmal nicht drin. Ebenso wenig wie nach Studienabschluss direkt mal ein Referenzmikro im vierstelligen Bereich zu kaufen.“
Ein befreundeter Kollege lieh ihm ein RØDE NT1-A. Frank kannte das Modell zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht.
„Von Zweifeln und Zeitnot gequält habe ich es also eingesetzt – und war erstaunt! Die Vocals klangen wunderbar, hatten obenrum Luft, waren nicht so scharf wie befürchtet und haben kaum gerauscht. Und auch Instrumentalaufnahmen kamen gut weg! Das bei einem Preis von circa 200 Euro? Das war 2004 nicht vorstellbar.“
Das NT1-A blieb nicht nur im Layout, sondern auch im fertigen Mix. Nachdem Frank das geliehene Mikrofon zurückgebracht hatte, führte sein nächster Weg deshalb direkt zum Music Store.
Auch Bob Humid verbindet die frühen RØDE-Mikrofone mit einer grundlegenden Veränderung der Studiowelt. Für ihn stehen sie stellvertretend für die Demokratisierung der Produktionsmittel. Kondensatormikrofone, deren Klangqualität für kleinere Studios und Musiker zuvor finanziell kaum erreichbar war, wurden zunehmend erschwinglich.
Und damit stellt sich auch die Frage: Muss ein persönlicher Mikrofonklassiker überhaupt teuer sein?
Neumann KM 54
Hauchdünnes Nickel und ein folgenreicher Sturz
Joker Nies konnte Ende der 1980er ein gematchtes Paar Neumann KM 54 auftreiben. Angeboten wurde es von der Pulheimer Firma Schmitronic, die damals allerlei ausgemustertes Rundfunk-Studioequipment aus den 1950er-Jahren verkaufte.
Eine Besonderheit des Röhrenmikrofons ist seine extrem dünne und entsprechend empfindliche Nickelmembran.
Dann passierte, was bei solchem Vintage-Equipment besser nicht passieren sollte: Ein Mikrofonständer fiel um und die Membran eines der beiden KM 54 bekam einen Riss.
Die nur etwa 0,8 Mikrometer dicke Nickelschicht kann heute galvanisch hergestellt werden. Joker verweist auf die Firma Thiersch, die diese Technik für verschiedene historische Neumann-Mikrofone mit Metallmembranen beherrscht.
Für ihn ist die Membran dabei nicht nur ein technisches Detail. Die später bei Neumann-Kleinmikrofonen wie KM 64 und KM 84 verwendeten PET-Mylar-Membranen ließen für ihn „den Punch und Klangkörper der Nickel-Version vermissen“.
Brauner VM1
Durch PUR ins Studio gekommen
Manchmal gelangt ein Mikrofon nicht durch einen geplanten Kauf ins Studio, sondern durch eine Produktion. Genau so war es bei Michael Thumm und dem Brauner VM1.
2021 bekamen die Bauer Studios die Anfrage, Lead-Vocals für ein PUR-Album mit Hartmut Engler aufzunehmen. Michael wusste, dass bei früheren Produktionen bereits Mikrofon-Shootouts durchgeführt worden waren, und fragte deshalb beim Produzenten nach dem bisherigen Favoriten.
„Ich wollte den Faktor Mikrofon einfach aus der Gleichung nehmen. Wenn man für eine Produktion das Studio wechselt, kann ein anderes Mikrofon unnötige Verunsicherung verursachen.“
Die Antwort lautete: Brauner VM1.
Für die sechswöchige Produktion wurde deshalb eines gemietet. Als Michael es anschließend zurückgeben wollte, erfuhr er, dass der Besitzer noch ein zweites besaß und beide als Stereopaar gematcht waren. Er machte den Bauer Studios einen guten Preis – und beide Mikrofone blieben.
„Das VM1 ist wirklich sehr hell. Der betonte Bereich liegt aber so hoch, dass man teilweise schon wieder aus dem Harschen herauskommt. Für Hip-Hop-Vocals benutzen wir es sehr gerne, wenn die Stimme extrem brillant klingen soll.“
Sennheiser MKH 8050
Viel vielseitiger als gedacht
Auch das Sennheiser MKH 8050 bekam bei Michael Thumm erst durch Zufall eine Aufgabe, für die es ursprünglich gar nicht angeschafft worden war.
Gedacht war die Superniere vor allem für klassische Produktionen – etwa als Stützmikrofon im Orchester oder für Gesangssolisten. Dann wurde es eines Tages in einer vollgestellten Schlagzeugkabine eng.
„Das MKH 8050 ist sehr klein und unauffällig, also hat es jemand einfach einmal als Overhead aufgebaut. Eigentlich denkt man zunächst: Eine Superniere als Overhead, kann das funktionieren? Das Ergebnis war aber fantastisch.“
Seitdem verwenden die Bauer Studios das MKH 8050 immer wieder als Overhead. Auch am Kontrabass überzeugt es Michael durch seine deutliche und klare Abbildung.
„Häufig entstehen solche Anwendungen aus ganz praktischen Gründen: Das Mikrofon ist klein, im Bild unauffällig und passt noch an eine Stelle, an der kaum Platz ist. Dann stellt man es hin und stellt plötzlich fest: Es sieht nicht nur unauffällig aus, sondern klingt auch noch fantastisch.“
DPA 4006/4009
Ein Stereoset, für das jemand aus Paris nach Köln kam
Für Nick Mavridis gibt es zwei Stereoverfahren, die ihn besonders fesseln: Blumlein und AB. Für letzteres bevorzugt er hochwertige Druckempfänger-Kugeln.
Lange besaß er eine besondere Variante der DPA 4006: ein Paar DPA 4009 mit einem Speiseteil, das statt der üblichen 48 Volt mit 130 Volt arbeitete.
„Im Ergebnis hatten diese Mikrofone dann eine enorme Dynamik.“
Das gebraucht gekaufte Set kam in einem Samsonite-Koffer mit unterschiedlichen Kugelaufsätzen, Grids, Spezialkabeln und Stereoschiene. Nick verwendete es unter anderem als Stereo-Hauptmikrofon für Kirchenorgeln, Streichquartette und Atmo-Aufnahmen.
Das Problem: Meistens stand das hochwertige Set herum. Dann lernte Nick einen Tonmeister aus Paris kennen, der dringend ein zweites Set suchte.
Während eines Streiks der Deutschen Bahn fuhr der Interessent mit dem Zug bis Metz und von dort mit einem Mietwagen nach Köln. Während er die Mikrofone ausführlich testete, kochte Nick griechisch.
Heute freut er sich, wenn er auf Social Media Aufnahmen sieht, bei denen seine ehemaligen Mikrofone bei großen klassischen Produktionen in französischen Konzertsälen eingesetzt werden.
„Dann werde ich kurz wehleidig und denke: Mist, ich sollte mir zumindest ein Paar DPA 4006 zulegen. Oder doch Schoeps? Josephson? Microtech Gefell?“
Sennheiser MD 409N
Pink Floyd, Pompeii und die Sache mit dem Stativ
„Pink Floyd: Live at Pompeii.“
Damit beginnt Nick Mavridis‘ Geschichte zum Sennheiser MD 409N. Als Teenager sah er den Konzertfilm in einem halb als Wohnzimmer genutzten Proberaum und entdeckte neben WEM-Boxen, Hammond und Leslie auch die charakteristischen Sennheiser-Mikrofone.
Später hatte er selbst zweimal die Gelegenheit, alte MD 409N einzusetzen – jeweils vor einem Gitarrenverstärker.
„Aufgrund der Brikettform lässt sich dieser Mikrofontyp wunderbar mit einer Kabelschlaufe am Griff des Amps festmachen und vor die Box hängen. Stativ unnötig, verdrehen kann es sich nicht.“
Klanglich suchte Nick dabei einen warmen, wohligen Sound und ließ dafür in beiden Fällen sogar SM57, M 88 und MD 441 liegen.
Heute verwendet er gerne Sennheiser e906 und e609, die für ihn in der Tradition des 409 stehen, allerdings moderner, höhenreicher und transparenter klingen.
„Das muss für mich jedoch nicht in jeder Situation sein. Die Zeiten, in denen MD 409N preiswert zu haben waren, sind leider vorbei. Aber man muss auch nicht immer alles besitzen, richtig? Ich habe Live at Pompeii noch irgendwo, aber ich befürchte, das ist auf Videokassette …“
Vox-O-Rama Typ 47
Andreas Großers Wissen lebt weiter
Mit dem Vox-O-Rama Typ 47 verbindet Chris Kling eine besonders persönliche Geschichte. Im Mittelpunkt steht der verstorbene Mikrofonexperte Andreas Großer.
„Wenn man ihn wegen eines Problems mit einem U 67, einem Netzteil oder einer Röhre anrief, nahm er sich Zeit. Er sagte nicht einfach: Schick es vorbei. Er erklärte, woran es liegen könnte, wusste über jedes Bauteil Bescheid und teilte dieses Wissen mit einer unglaublichen Leidenschaft.“
Chris hatte damals sowohl ein U 67 samt Netzteil als auch ein Typ 47 bei Großer. Als irgendwann keine Rückmeldung mehr kam, erfuhr er von dessen Tod.
Umso mehr Bedeutung besitzt das Typ 47 heute für ihn. Chris verglich es direkt mit einem historischen U 47 und war von Großers Konstruktion und dessen eigens entwickeltem Übertrager begeistert.
„Die meisten Vocals nehme ich damit auf. Je nach Sänger wähle ich nur einen anderen Preamp und gehe vielleicht noch durch einen Chandler R124. Danach ist die Aufnahme häufig final – ohne Low-Cut, EQ oder zusätzliche Kompression.“
Besonders im Gedächtnis blieb eine Americana-Singer-Songwriterin, die gleichzeitig sang und auf einer alten Gibson Akustikgitarre spielte. Chris stellte lediglich das Typ 47 vor sie, ergänzte Hall und Tape-Delay – fertig.
„Es klingt einfach so phänomenal rund und gut. Ich habe so etwas noch nie gehört.“
Bash Audio RM-BIV
Zwei russische Bändchen für jeweils 150 Dollar
Auch das Bash Audio RM-BIV kam über eine persönliche Empfehlung zu Chris Kling. Ein befreundeter Engineer gab ihm die E-Mail-Adresse eines Mannes in Russland, der ein Konservatorium in St. Petersburg leitete und selbst Mikrofone baute.
„Ich schrieb ihm, und er antwortete sinngemäß: Ja, stimmt, ein Mikrofon kostet 150 Dollar, hier ist mein PayPal.“
Die Mikrofone kamen mit der russischen Post. Äußerlich hinterließen sie zunächst keinen besonders hochwertigen Eindruck. Klanglich sah das für Chris vollkommen anders aus.
„Ich bestellte zum Vergleich sogar ein Royer 121 und fragte mich danach nur: Warum? Für mich machte das russische Mikrofon das Royer platt – für 150 Dollar.“
Chris setzte seine beiden RM-BIV vor allem für Bläser ein, aber auch als Drum-Overheads, Raummikrofone und gelegentlich für Vocals. Der Tipp verbreitete sich später bis in das Umfeld der Sound and Media School in Darmstadt-Dieburg, wo sogar Sammelbestellungen organisiert wurden.
„Wenn ihr ein BIV1 seht und es richtig gelagert wurde: unbedingt zuschlagen.“
Soyuz Röhren-Kleinmembranmikrofone
Der Geheimtipp mit Oktava-Anschluss
Ebenfalls aus Russland stammen Kleinmembran-Röhrenmikrofone von Soyuz, die Chris Kling besonders in Erinnerung geblieben sind. Bei der genauen Modellbezeichnung war er sich im Gespräch nicht mehr sicher – vermutlich handelte es sich um SU-011 beziehungsweise ein später abgelöstes Modell.
Entscheidend ist für ihn ohnehin der Klang:
„Diese Kleinmembraner klingen für mich phänomenal. Gleichzeitig sehen sie mit ihren goldenen Kapseln ziemlich imposant aus.“
Besonders interessant: Auf die Mikrofone lassen sich auch Oktava-Kapseln schrauben. Chris kann denselben Verstärkerteil damit beispielsweise mit Oktava-Kugelkapseln kombinieren.
„Gerade bei weniger verbreiteten Herstellern findet man manchmal einen Klang, der sich gegen die großen Klassiker behauptet, ohne dass das Produkt in jedem Forum diskutiert wird.“
Earthworks SR25
Manchmal klingt die Wahrheit ziemlich schön
Für Peter Walsh verdient sich ein Mikrofon seinen Platz im Schrank entweder durch seine Geschichte – oder dadurch, dass es Session für Session zuverlässig liefert. Das Earthworks SR25 gehört für ihn eindeutig zur zweiten Kategorie.
Neben einem Royer R-121 und einem Neumann U67 übernimmt das SR25 eine vollkommen andere Rolle.
„Where the Royer brings warmth and the U67 has that unmistakable vintage character, the SR25 is all about truth and detail.“
Peter setzte seine SR25 – ebenso wie die omnidirektionalen QTC 40 – bei zahlreichen Latin-Produktionen ein, bei denen hohe Klangtreue und Klarheit wichtiger waren als ein bewusst rauer oder vintagemäßiger Sound. Unter anderem arbeitete er damit bei Produktionen mit Alejandro Sanz und Andrés Suarez.
Besonders schätzt er die schnelle und präzise Transientenabbildung: den Anschlag einer Gitarre, die Resonanz eines Klaviers oder feine Texturen von Handpercussion.
Ein Paar in Split-Stereo eignet sich für ihn besonders für Situationen, in denen sich ein Musiker während einer Performance zwischen unterschiedlichen Instrumenten bewegt.
„The Royer flatters, the U67 charms, but the Earthworks SR25 tells the truth, in magnified detail. Sometimes, that’s exactly what the music needs. And occasionally, the truth can sound rather beautiful.“
Bob Humid: Microphonie personnelle
Wenn Improvisation wichtiger wird als das Equipment
Vielleicht ist das die passende Schlussfolgerung für unsere Unsung Heroes: Je länger man im Studio arbeitet, desto weniger geht es ausschließlich darum, welches Mikrofon theoretisch das beste ist.
Bob Humid beschreibt Mikrofone als „hochpräzise Luftdruckmessgeräte“, mit denen sich gleichzeitig Emotionen einfangen lassen. Und manchmal zählt weniger der Name auf dem Gehäuse als die Fähigkeit, mit dem vorhandenen Equipment eine Aufnahme überhaupt möglich zu machen.
Während eines Studioumzugs musste Bob beispielsweise noch drei Sätze für ein Hörbuchprojekt aufnehmen. Das Problem: Die Kabel befanden sich im Zwischenlager und ein XLR-Mikrofonkabel war nicht greifbar.
Die Lösung war so simpel wie ungewöhnlich: Mikrofon direkt in den XLR-Eingang eines kleinen Mischpults stecken. Damit dessen Oberfläche keine störenden Reflexionen zurück ins Mikrofon warf, wurde das Pult mit dickem, weichem Stoff abgedeckt.
Funktioniert? Funktioniert.
Genau solche Situationen verändern irgendwann auch den Blick auf Equipment. Ein Mikrofon muss nicht teuer sein, keinen legendären Namen tragen und auch nicht immer auf die Weise eingesetzt werden, die im Lehrbuch steht. Entscheidend ist, was am Ende aus den Lautsprechern kommt.
Oder, wie Bob es zusammenfasst:
„Alles ist erlaubt, aber nicht alles klingt auch überzeugend.“

CAD GXL-3000
Budget-Mikrofone sind nicht böse
Bob Humids Antwort darauf fällt eindeutig aus: nein.
„Es ist durchaus möglich, mit sehr günstigen Großmembran-Mikrofonen ziemlich gute Vocals aufzunehmen.“
Ein persönliches Beispiel ist sein CAD GXL-3000. In finanziell engeren Zeiten kaufte Bob das Mikrofon, dessen Straßenpreis bei 159 Euro gelegen hatte, im Ausverkauf für 89 Euro.
Die darin eingesetzte Kapsel beschreibt Bob als chinesische Kopie der Neumann K67. Hinzu kommen umschaltbare Richtcharakteristiken – ein Ausstattungsmerkmal, auf das er persönlich nur ungern verzichtet.
Vor allem aber überraschte ihn der Klang:
„Dieses Mikro ist unerwartet neutral, was meiner Arbeitsweise entgegenkommt.“
Genau diese Neutralität ist für Bob kein Nachteil. Er bevorzugt bei Sprache und Gesang zunächst eine saubere und klangtreue Aufnahme und gestaltet den Sound anschließend in der DAW mit Kompression, EQ, De-Esser, Sättigung und weiteren Werkzeugen.
Die Liste ist niemals fertig
Ein MD 441 aus dem Palast der Republik. Ein RØDE NT1-A, das den ersten professionellen Auftrag rettet. Zwei russische Bändchen für jeweils 150 Dollar. Ein DPA-Stereoset, für das sein neuer Besitzer während eines Bahnstreiks aus Paris nach Köln reist. Ein MKH 40, das sich als Overhead gegen zwei U 47 durchsetzt. Oder ein kleines Mischpult, das kurzerhand zum Mikrofonständer wird.
Unsere Gespräche für 20 Jahre Sound&Recording haben vor allem eines gezeigt: Die Bedeutung eines Mikrofons lässt sich nicht allein anhand technischer Daten, Verkaufszahlen oder Gebrauchtmarktpreisen messen.
Manchmal wird ein Mikrofon zum Klassiker, weil es auf unzähligen bedeutenden Aufnahmen zu hören ist. Manchmal, weil seine Konstruktion Generationen überdauert. Und manchmal reicht eine einzige Session, ein Zufall oder eine persönliche Erinnerung.
Unsere 20 legendären Studiomikrofone sind deshalb keine endgültige Rangliste. Sie sind eine Auswahl aus zwei Jahrzehnten Sound&Recording und vielen Jahrzehnten Studiogeschichte.
Die Unsung Heroes sind ihre notwendige Ergänzung.
Und spätestens beim Sennheiser MD 441 müssen wir wohl zugeben: Eigentlich hätten es 21 sein müssen.

